Neuss: Deutsche Liedklassiker verjazzt

Neuss: Deutsche Liedklassiker verjazzt

Das Trio von Hartmut Kracht war zu Gast in der Jazz-Reihe "Blue in Green".

Jazzmusiker sind stets auf der Suche nach Neuem. Manchmal aber ist das Neue im Alten zu finden. Und dieses Alte zeigt sich nicht nur in dem vielbeschworenen "Great American Songbook", diesem Kompendium mit Liedern aus Broadway-Musicals der 1920er und -30er-Jahre, das längst auch im Jazz zum Standard-Repertoire geworden ist. In dieser Zeit ist in Deutschland eine ähnliche, deutschsprachige Liedtradition entstanden, nur wurde dieser Strang durch die Nazidiktatur ab 1933 gekappt. Zum einen, weil viele Komponisten Juden waren, die mit der Machtergreifung der Nazis emigrieren mussten - wie zum Beispiel Friedrich Hollaender. Zum anderen, weil einige dieser Lieder eben auch durch die Nazis für deren Propaganda missbraucht worden waren - wie etwa "Kann denn Liebe Sünde sein?" von Lothar Bühne und dem homosexuellen Texter Bruno Balz.

Hartmut Kracht, studierter Kontrabassist, der vor einigen Jahren zur E-Gitarre gewechselt ist, hat seit geraumer Zeit dieses deutschsprachige Liedrepertoire für sich als Jazzmusiker nutzbar gemacht - "weniger für Menschen in Frack und Zylinder also, eher für jemanden wie mich in Jeans und T-Shirt", wie er in seiner Vorrede zum Konzert mit seinem Trio und dem Vibrafonisten Tom Lorenz in der Alten Post betont hat.

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Er hat Klassikern wie "Reizend!", "Nur nicht aus Liebe weinen" oder eben "Kann denn Liebe Sünde sein?" eine jazztypische Harmonik auf den Weg gegeben, sie rhythmisch und metrisch unter Spannung gesetzt und klanglich modernisiert. Der Kniff bei der Sache ist, dass die vier Musiker nicht nur eine zeitgemäße Grundlage zur Improvisation über diese Lieder bekommen haben, sondern dadurch auch die Gesanglichkeit und Schönheit der Melodien bewahrt worden ist - mehr noch: nunmehr in gleißendem Licht erstrahlen.

Überraschenderweise prägt eine nonchalante Zurückhaltung das Zusammenspiel der vier Musiker. Bassist Stefan Werni und Schlagzeuger Patrick Hengst reduzieren ihre Grooves auf das Allernötigste, es sind eher Skizzen als ein breites Tableau an Rhythmen, das sie auslegen. Dadurch bekommen Kracht und Lorenz erst den Rahmen, um die gegensätzlichen Timbres von E-Gitarre mit ihrer wild bunten Farbigkeit und Vibrafon mit seiner kühl strukturierenden Klängen zu mischen. Der im Jazz üblichen Dramaturgie setzen die vier Musiker dann auch noch andere als die üblichen Parameter zur Improvisation entgegen: ein Experimentieren mit Formen etwa, oder ein untrügliches Gespür für dynamische Prozesse. Da kann es passieren, dass "Kann denn Liebe Sünde sein?" am Schluss über eine Pendelharmonik ganz leise ins Nichts verschwindet.

(NGZ)
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