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Neuss: Des Künstlers Glaube

Neuss : Des Künstlers Glaube

Neuss "Hast du jemals ein fertiges Bild gesehen?" "Während er arbeitet, ist er überzeugt, ein Genie zu sein." Das erste Zitat von und das zweite über Pablo Picasso markieren gewissermaßen auch die Eckpunkte der neuen Ausstellung im Clemens-Sels-Museum.

Neuss "Hast du jemals ein fertiges Bild gesehen?" "Während er arbeitet, ist er überzeugt, ein Genie zu sein." Das erste Zitat von und das zweite über Pablo Picasso markieren gewissermaßen auch die Eckpunkte der neuen Ausstellung im Clemens-Sels-Museum.

Denn der Künstler wird im Haus am Obertor von einer besonderen Seite gezeigt: "Kreativität und Schaffensdrang" sind der Maßstab für die rund 100 Grafiken und über 50 Fotos, die vor allem eines wollen: Einblick geben in Picassos Selbstverständnis als Künstler.

Diesem besonderen Aspekt ist es denn auch zu verdanken, dass diese Schau nicht wie die 101. über die Kunst des Weltberühmten wirkt, sondern einen ungewöhnlichen Zugang zu seinem Kosmos ermöglicht. Das fängt bei den Fotos an, die Dora Maar, Edward Quinn und David Douglas Duncan vom Künstler bei der Arbeit machen konnten, wird mit teilweise noch nie gezeigten Grafiken aus privatem Besitz fortgesetzt, führt weiter zu einem virtuellen Buch mit den Blättern der "Suite Verve" und endet an einer "Hörstation" mit von drei Schauspielern gesprochenen Zitaten vom Künstler selbst oder aus seinem Umfeld.

Alles mündet schließlich in den hervorragenden Katalog, der nicht nur alle Exponate abbildet, sondern ausgezeichnete und gut lesbare Aufsätze zum Thema enthält und genauso wie die Ausstellung nur dank großzügiger Sponsorenhilfe möglich war.

Kuratorin der Ausstellung ist Dr. Uta Husmeier-Schirlitz, die damit auch ihre Visitenkarte als designierte Nachfolgerin der Museumsdirektorin Dr. Gisela Götte abgibt. Die Konzentration auf das graphische Werk Picassos als Ausgangspunkt für die Spurensuche nach dem künstlerischen Selbstverständnis des gebürtigen Spaniers entpuppt sich als ungeheuer reizvoll, braucht allerdings in vielen Punkten auch die Erläuterung.

Wer das ganze Ausmaß des Themas erfassen will, sollte Führungstermine wahrnehmen - erst dann lassen sich alle Bezüge auch entdecken. Gleichwohl bedient die Ausstellung auch die pure Schaulust - allein schon dank der vielen Fotos, die den Künstler mal in wohlüberlegter Selbstinszenierung zeigen, mal in entrückter Vertiefung in die Arbeit, die Kamera offensichtlich nicht mehr wahrnehmend. Und auch die Grafiken beeindrucken um ihrer selbst Willen, etwa die erotischen Atelierdarstellungen.

Man muss nicht unbedingt wissen, dass der Minotaurus als Verkörperung des reinen Triebs für eine Facette des Künstlers im Verhältnis zu seinem Modell steht, um an den Bildern hängen zu bleiben, aber es fördert schon die Reflektion über des Künstlers Selbstverständnis ...

"Die Grafik ist nicht die schlechtere Variante der Malerei", stellt Husmeier-Schirlitz denn auch klar, "sondern die originäre Wurzel für die malerische Auseinandersetzung." Wie entsteht ein Kunstwerk? und Was ist ein Künstler? seien Fragen, die Picasso, "diesem Synonym für Kreativität", über 40 Jahre seines Schaffens beschäftigt hätten. Und die Schau vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr sie seine Kunst beeinflusst haben.

Paradebeispiel sind dafür die Radierungen zu der Balzac-Novelle "Das unbekannte Meisterwerk" von 1926, die als Schenkung in den Besitz des Museums übergegangen sind und gewissermaßen Vorbild für das Ausstellungsthema sind. Denn die Geschichte beschreibt die Suche von drei Malern nach dem einen Werk von absoluter und idealer Schönheit - heraus aber kommt nur ein ausdrucksloses Liniengewirr.

In seinen Blättern reflektiert Picasso mit der Visualisierung der Novelle die eigene Geschichte: Wie der Maler sich von seinem Modell inspirieren lässt; wie Erotik und Triebe ins Spiel kommen; wie der Blick des Mannes schließlich mehr und mehr vom Modell weg hin zum Bild zurückwandert.

Dass aus künstlerischem Bestreben eine pathologische Besessenheit werden kann, dürfte dabei auch für Picasso eine Wahrheit gewesen sein. Denn auch bei ihm, so sagt die Kuratorin, habe es Phasen gegeben, in denen auch er sich für den einzig wahren Schöpfer hielt: "Fast gottähnlich." Aber offensichtlich hat er sich selbst wieder zurück auf den Teppich gebracht - was Husmeier-Schirlitz' "Lieblingsbild" von 1971 zeigt: Da setzt er sich selbst als Maler die Narrenkappe auf. Als Kommentar dazu, dass ein Künstler glauben könnte, ein Kunstwerk der lebendigen Art zu schaffen.

(NGZ)