Neuss: Der Pfarrer-Professor-Doktor

Neuss: Der Pfarrer-Professor-Doktor

Über Langeweile beklagt sich Jörg Hübner derzeit wohl nicht: Hübner ist Pfarrer der evangelischen Christuskirchgemeinde in Neuss und hat jetzt eine außerplanmäßige Professorenstelle in Bochum bekommen.

So sieht das Büro eines gelehrten Pfarrers aus: Bücherregale, ein Schreibtisch mit Fotos von der Familie und den verschneiten Alpen im Wallis, eine aufgeschlagene Bibel, Aktenorder. Das Büro gehört Dr. Jörg Hübner, Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde in Neuss und seit neuestem Professor für Systematische Theologie und Sozialethik an der Ruhr-Universität in Bochum.

Das ist kein Spagat für den Geistlichen. "Ich bin leidenschaftlich Gemeindepfarrer, aber ich bin auch ein leidenschaftlich theologisch denkender Mensch", sagt er. Hübner war bislang Privatdozent in Bochum und bekam jetzt eine "außerplanmäßige" Professorenstelle, das heißt, er trägt den Titel, hat aber bis auf seine wöchentliche Vorlesung kein Stundendeputat oder sonstige Verpflichtungen. Die Gemeindemitglieder sehen beides mit Freude.

Hübner, 1962 in Krefeld geboren, in Bonn studiert und seit 1992 Pfarrer mit Heimstatt neben der heutigen Dietrich-Bonhoeffer-Kirche an der Einsteinstraße, hatte sich zuvor als Mitherausgeber des "Evangelischen Soziallexikons" einen Namen gemacht. Die Idee, sich mit der Globalisierung und ihren theologischen und ethischen Herausforderungen zu beschäftigen, erwuchs nicht zuletzt durch die Neusser Eine-Welt-Initiative, wie der Wissenschaftler sagt.

"Es ist wichtig, die weltwirtschaftliche Gerechtigkeit weiter zu denken", ist Hübner überzeugt. Wie gut, dass er bei seinen ganzen Aufgaben Frühaufsteher ist. "Ich stehe jeden Tag um 5 Uhr auf. In aller Früh' kann man am besten schaffen — wenn niemand anruft oder an der Tür klingelt", sagt der Pfarrer, der bis 2008 Vorsitzender des evangelischen Gemeindeverbands in seiner Neusser Wahl-Heimat war.

"Die Arbeit als Pfarrer und die Arbeit als Professor bereichern sich gegenseitig. Da kommen auch Impulse, die ich ins Gemeindeleben einbringen kann", erzählt Hübner, der sonst Tangotanzen und Marathonlaufen, Wandern und Bergsteigen mag. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

"Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon", dieses Jesus-Wort aus dem Lukas-Evangelium ist der Titel von Hübners neuestem Buch, in dem er Grundsatzüberlegungen zu einer Ethik der Finanzmärkte anstellt.

"Gott ist das eine, Mammon das andere — diese allgemeine Gegenüberstellung kann auch missverstanden werden", sagt der Professor. Christus habe den Umgang mit Geld "zurück in ein System von Recht" stellen wollen. "Er fordert uns auf, mit Geld ethisch verantwortbar umzugehen."

Welch ein Wort in Zeiten der maßgeblich von Finanz-Jongleuren ausgelösten Wirtschaftskrise.

(NGZ)