Neuss: Der Literarische Sommer startet mit sprachgewaltigem Autor

Neuss: Der Literarische Sommer startet mit sprachgewaltigem Autor

Der in der Schweiz geborene Autor Ralph Dutli stellte in der Stadtbibliothek seinen Roman "Soutines letzte Fahrt" vor.

In den Bildern von Chaim Soutine erkennt der in Heidelberg lebende Schriftsteller Ralph Dutli "eine ungeheure Wucht". Diesem Maler, dessen Bilder von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" abgestempelt worden waren, widmet der 1954 im schweizerischen Schaffhausen geborene Schriftsteller und Übersetzer seinen ersten Roman: "Soutines letzte Fahrt" - ein Buch von enormer Sprachgewalt. So begann der 16. Literarische Sommer in der Stadtbibliothek mit einem literarischen Paukenschlag.

Kulturdezernentin Christiane Zangs sollte bei ihrer Begrüßung nicht übertreiben: "Danke, dass Sie mit diesem ganz wundervollen Buch unser Gast sind." Auf einer Leinwand sahen die Besucher Bilder von Chaim Soutine - die ideale Einstimmung auf die rund einstündige Lesung. Christine Breitschopf von der Stadtbibliothek stellte den Autor vor - und ihm Fragen.

Was auf Anhieb und immer wieder beeindruckte: die Art, wie Ralph Dutli vorlas beziehungsweise vortrug. Jedem, auch einem noch so kurzen Wort räumte er die Zeit ein, die ihm seiner Meinung nach zustand. Das "Ch" in "Milch" klang lange nach, oft war es ein lauteres Flüstern, das die Zuhörer die Ohren spitzen ließ. Ralph Dutli breitete Sätze vor seinem Publikum aus, die man sich auf der Zunge zergehen lassen konnte: "Das Paradies ist ein weites, leeres Land."

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Enttäuschen musste er zwangsläufig all diejenigen, die glaubten, er habe eine Malerbiografie geschrieben. Wo er denn die ganzen Details herhabe, wurde Dutli gefragt. Die Antwort mag ein wenig ernüchternd gewesen sein, aber er hat ja einen Roman geschrieben: "Vieles in meinem Buch ist erfunden. Wo man wenig weiß, muss man viel erfinden."

Die Zuhörer lernten mit dem Buch einen Künstler kennen, der in einem Krankenhaus von seinen Magengeschwüren geheilt wird und dem der Arzt verbietet, weiterhin zu malen. Sie schienen am Nebentisch zu sitzen und zu erleben, wie Soutine die Cafés im Künstlerviertel von Paris besucht. Und wie ein Selfmademan aus den USA die Bilder des bis dahin Unbekannten für sich entdeckt und sich damit eindeckt.

Dutli greift zu einem kleinen Trick, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen: Er beschreibt den Maler im Morphiumrausch. Als einen Mann, der die Farben liebt, an ihnen leidet und der im Weiß der Klinik sozusagen auf Farbentzug ist. Dutli klammert auch das Schicksal der Verfolgten im Zweiten Weltkrieg nicht aus, beschreibt, wie die allgegenwärtigen "Halsaufschlitzer" Reflexe bei ihren potenziellen Opfern freisetzen. Dutli, der 20 Jahre in Paris gelebt hat, hat mit "Soutines letzte Fahrt" die Latte ganz schön hoch gehängt. Aber es bleibt spannend: Arjan Visser liest am kommenden Dienstag um 19.30 Uhr aus "Der blaue Vogel kehrt zurück".

(NGZ)