Neuss: Der Libero schließt sein Lokal an der Hymgasse

Neuss: Der Libero schließt sein Lokal an der Hymgasse

Nach über 41 Jahren geht der Ex-Fußballprofi Hans-Josef Hellingrath in den Ruhestand. Sein Laden wird wohl bald einem Neubau weichen.

Die Jahre archäologischer Ausgrabungen auf dem ehemaligen Busbahnhof hat Hans-Josef ("Jupp") Hellingrath durchgestanden, der Baustelle getrotzt, als an der Hymgasse das Romaneum in die Höhe wuchs, und auch das Nichtraucherschutzgesetz hat dem Gastwirt zwar Einbußen beschert, ihn aber nicht in die Knie gezwungen. Doch über all diesen Kämpfen ist der "Libero" auch nicht jünger geworden. Mit fast 74 hat sich Hellingrath deshalb dazu durchgerungen, in den Ruhestand zu gehen. Montag ist sein letzter Arbeitstag.

Beim "Libero" gab es an Fußballtagen nicht nur bewegte Bilder auf dem Fernsehbildschirm, sondern auch klare Analysen, vorgetragen mit der Autorität des Experten. Hellingraths Expertise: 30 Bundesligaspiele für Fortuna Düsseldorf, 199 für Hannover 96. Als Vertragsspieler von München 1860 beendete 1973 ein Kreuzbandriss die Karriere des Profifußballers aus Neuss, der in seiner Heimat eine zweite Laufbahn begann. Aus dem Abwehrchef und Libero Hellingrath wurde der Chef der Gaststätte "Zum Libero".

Der letzte echte "Kneipier" von der Hymgasse hinterlässt aus Sicht seiner Stammgäste sicher eine Lücke. Aber auch baulich wird eine Lücke entstehen. "Das ist die nächste Baustelle", ist der Ex-Bankdirektor Jakob Beyen überzeugt, der die Liegenschaft jahrelang im Auftrag verwaltete und am Ende verkaufte. Der letzte eingeschossige Bau in der Häuserzeile, mit dem eine seit den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges klaffende Lücke geschlossen worden war, wird nach Beyens Überzeugung zeitnah abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Er kennt Pläne von einem Wohn- und Geschäftshaus mit vier Appartements mit je 40 Quadratmeter Wohnfläche, das auf dem knapp 100 Quadratmeter großen Innenstadtgrundstück entstehen könnte.

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Beyen verkaufte die Gaststätte auch deshalb, weil er sich eine Zeit ohne den "Libero" nicht vorstellen konnte. "Die Gastronomie dort steht und fällt mit Jupp Hellingrath", sagt er überzeugt. Seiner Ansicht sind auch jetzigen Hausbesitzer, die sich an die Verabredung hielten: Der Wirt darf weitermachen, so lange er will. Und Hellingrath gefällt, dass er den letzten Tag als Wirt selbst bestimmen konnte.

Als Hellingrath 1973 ins Fach Gastronomie wechselte, hätte er keinen besseren Standort für sein Lokal finden können. Im Hafen produzierten noch die International Harvester Company und Ideal Standard Traktoren beziehungsweise Badewannen, und ihre Belegschaft sorgte für Umsatz beim "Libero". Doch kaum ein Platz in der Innenstadt hat sich in diesen vier Jahrzehnten grundlegender gewandelt als der am Romaneum. Dort hatte sich zuletzt ein portugiesisches Café zu etablieren versucht - und scheiterte.

Wenn der Wirt am Montag sein Lokal schließt, dann nimmt er auch die Erinnerungsstücke mit in seine Wohnung an der Hafenstraße, die sein Haus zu der Fußballerkneipegemacht schlechthin haben. Zum Beispiel das Foto von seinem Spiel gegen Real Madrid im ausverkauften Bernabéu-Stadion (1969). Oder das vom Besuch der Kölner Fußballerlegende Wolfgang Overath, der 2007 vorbeischaute. Bei dem Libero, gegen den er noch gespielt hat.

(NGZ)
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