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Serie Denkmäler In Korschenbroich: Der Heiland blickt in die falsche Richtung

Serie Denkmäler In Korschenbroich : Der Heiland blickt in die falsche Richtung

In Liedberg stehen die sieben Fußfälle rund um den Haag. Über Jahrhunderte waren sie an Karfreitag das Ziel christlicher Prozessionen.

Liedberg Der Auslöser war ein Müllwagen. Der fuhr vor einigen Jahren rückwärts in den Fußfall "An der Tränke" hinein und beschädigte ihn erheblich.

Diesen Unfall nahm der Liedberger Heimatverein zum Anlass, um die sieben Fußfälle zu sanieren, die sich in einem weiten Bogen rund um die Schlosskapelle und den Haag erstrecken. Längst ist der Fußfall "An der Tränke" wieder hergerichtet. Doch eines mochte bei der Sanierung nicht gelingen - die Inschrift unterhalb der Nische wieder sichtbar zu machen.

"Die Buchstaben bleiben schemenhaft. Der Sandstein ist zu verwittert, als dass man sie rekonstruieren könnte", bedauert Ralf Frommen, Geschäftsführer des Heimatvereins.

Das gilt nicht nur für diesen Fußfall, sondern auch für die übrigen Bilderstöcke. Dabei hätten die Inschriften verraten können, wer sie ursprünglich errichten ließ. Zumeist waren das angesehene Bürger aus dem Ort. So berichtete der Heimatforscher Jakob Bremer denn auch, dass Damian Hermann Nideggen, damals Vogt auf Schloss Liedberg, einen der Fußfälle gestiftet habe. Sein Bruder und Amtsnachfolger Johann Peter tat es ihm gleich und ließ in Glehn einen Fußfall aufstellen. Erbaut wurden die Liedberger Fußfälle zwischen 1708 und 1713. Und zwar zusammen mit jenen in Glehn, da Liedberg damals noch zur Glehner Pfarrgemeinde zählte.

Die sieben Fußfälle fanden ursprünglich durch Jerusalempilger ihren Weg ins Rheinland. Mit dieser Form des Kreuzwegs wollte man es auch den Daheimgebliebenen ermöglichen, der Leiden Christi zu gedenken.

Die Gläubigen in Liedberg schritten über Jahrhunderte hinweg an Karfreitag die Stationen ab. Noch heute führt der Bußgang der Männer jedem Samstag vor Palmsonntag an ihnen vorbei. "Früher beteten auch sieben Mädchen aus der Nachbarschaft an den sieben Stationen für einen Verstorbenen", sagt Ralf Frommen.

Das ist heute nicht mehr der Fall. "Aber immer noch suchen ältere Liedberger die Kreuzwegstationen auf, um dort bei persönlichem Leid zu beten", sagt er.

Die Sanierung schreitet voran, wenngleich sie noch nicht abgeschlossen ist: Einer der Fußfälle wurde von Graffiti befreit, ein anderer mit großen Steinen vor den Rädern der Traktoren geschützt. Rund 15 Jahre älter als die Kreuzwegstationen ist das Hagelkreuz, das an der Ecke Schlossstraße / En de Hüll steht und 1696 errichtet wurde. Heute ist der Standort zwar von Häusern umbaut, doch früher grenzten die Felder unmittelbar an das Hagelkreuz heran. Aus guten Grund: Der Heiland, so die damalige Hoffnung, sollte die ganze Flur überschauen können und die Felder vor Hagel und Unwetter schützen. Im Frühjahr zogen Bittprozessionen zum Hagelkreuz.

Besonders wichtig war dabei, dass viele Arme daran teilnahmen. Denn ihre Gebete würden eher erhört und seien wirksamer, so glaubte man damals. Eine Frage vermag man heute allerdings nicht mehr zu klären: Warum das Hagelkreuz so ausgerichtet ist, dass der Heiland seinen Blick auf den Ort richtet, und nicht auf die Felder.

(NGZ)