Neuss: Das Schicksal der jüdischen Familie Joseph

Neuss : Das Schicksal der jüdischen Familie Joseph

Am Freitag gedachte die Stadt der Reichspogromnacht. Welche Schicksale hinter der Geschichte stehen, zeigt ein Blick ins Stadtarchiv.

Scheu lächeln sie in die Kamera, doch die Aufnahmen der 21-jährigen Ilse und ihren Schwestern Lotte und Ruth Josephs vermitteln eine trügerische Normalität. 1936 lassen sich die beiden Töchter des jüdischen Kaufmanns Gustav Josephs im Neusser Fotoatelier Heinrich Kleu porträtieren. Zu diesem Zeitpunkt sieht sich die Familie bereits Verfolgung und Hass ausgesetzt. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 sollte es noch viel schlimmer kommen: Das Ehepaar Gustav und Käthe Josephs sowie ihre drei Töchter, wohnhaft in der Lörickstraße 6, wurden in den von den Nazis zynisch "Kristallnacht" genannten Terrorstunden besonders brutal misshandelt.

Freitag jährte sich dieses schreckliche Ereignis, als "Reichsprogromnacht" in die Geschichte eingegangen ist, zum 74. Mail. Die Stadt veranstaltete zur Erinnerung eine Gedenkstunde (siehe Info).

Das hinter dem historischen Ereignis persönliche Schicksale stecken, zeigt der Blick ins Stadtarchiv. "Die Geschichte der Familie Josephs hat mich sehr berührt", erzählt Archivleiter Jens Metzdorf. Denn ihr Leid sei beispielhaft für die Grausamkeiten der Nationalsozialisten: Zunächst der Ausschluss aus dem Wirtschaftsleben, dann die Zerstörung des Eigentums und individuelle Demütigung sowie Misshandlung, die Entrechtung und letztlich die Ermordung.

Am 9. November 1938, als die jüdische Synagoge in Neuss in Flammen aufging, kam unfassbares Leid über die 210 Juden, die zu dieser Zeit in Neuss lebten — darunter die Familie Josephs. Ihre Existenz wurde sukzessive zerstört: Das bekannte "jüdische" Kaufhaus Alsberg, in dem Gustav Josephs als Geschäftsführer arbeitete, war Zielscheibe heftiger Boykottaufrufe. So druckte die Rheinische Landeszeitung, ein Organ der NSDAP, im August 1935 ein Foto unter der Überschrift "Sie kaufte beim Juden!". Gezeigt wurde eine Frau, die das Kaufhaus verließ. Dazu hieß es im Text: "Anstatt in das jüdische Kaufhaus Alsberg zu laufen, sollten sich deutsche Hausfrauen einmal Gedanken darüber machen, wie volksverräterisch derjenige handelt, der heute noch beim Juden einkauft." Die Boykottpropaganda wurde so massiv, dass das Kaufhaus im Sommer 1938 verkauft werden musste. Es wurde "arisiert" und in "Kaiser & Ganz" umbenannt.

In der Pogromnacht wurde die Familie Josephs wie viele andere Juden Opfer der nationalsozialistischen Gewalt: "Die Frau und die drei Töchter wurden im Nachthemd aus ihrer Wohnung in der Lörickstraße geholt und durch die Straßen gehetzt; Käthe Josephs ist in dieser Nacht vor Angst wahnsinnig geworden", schreibt Stefan Rohrbacher, seit 2002 Professor am Institut für Jüdische Studien an der Universität Düsseldorf, in seinem 1986 erschienen Buch "Juden in Neuss". Die Wohnung der Familie wurde verwüstet, das zerstörte Mobiliar warfen SA-Männer auf die Straße. Gustav Josephs wurde durch den Stadtgarten gejagt und gemeinsam mit vielen anderen jüdischen Mitbürgern verhaftet. Aus der Haft im Konzentrationslager Dachau kehrte er erst im Dezember 1938 zurück. Fünf Monate später emigrierte die Familie nach Amsterdam. Doch auch dort waren sie nicht sicher: 1942 wurde die Familie über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert. Die Eltern und die jüngste Tochter Ruth wurden am 17. September, Lotte und Ilse Josephs zwei Wochen später ermordet.

(NGZ/ac)
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