Das Lukaskrankenhaus Neuss wirbt in Italien erfolgreich Fachkräfte an

Neusser Krankenhaus sucht Lösung für Pflegenotstand : Das „Lukas“ wirbt in Italien Fachkräfte an

Die Krise des Gesundheitssystems in Italien ist ein Segen für deutsche Krankenhäuser. Vielen Südeuropäern eröffnet sie eine Perspektive.

Eine Antwort auf den Pflegenotstand – heißt Europa. Im städtischen Lukaskrankenhaus setzt man derzeit voll auf die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union, die erlaubt, Krankenpfleger, aber auch Hebammen aus Italien anzuwerben. 20 italienische Mitarbeiter, denen sie in den beiden vergangenen Jahren schon einen unbefristeten Arbeitsvertrag aushändigen konnte, lassen Andrea Albrecht bereits von einem Erfolg sprechen.

Und die Pflegedienstleiterin denkt längst weiter. Sie steht mit der Universität La Sapienza in Rom in Kontakt, um gemeinsam über das Programm „Erasmus plus“ der Europäischen Union ein Projekt zur Pflegeausbildung anzuschieben. Partner dabei könnte die Hochschule Niederrhein mit Sitz in Krefeld werden, mit der ebenfalls schon verhandelt wird. Das „Lukas“, sagt Albrecht, wäre in dieser Konstruktion ein Schwerpunkt.

Hinter den drei Romreisen, bei denen Albrecht in Castings möglichen Bewerbern das Neusser Krankenhaus schon vorstellen durfte, stehen Schicksale wie das von Marilina Baldassarre. Geboren im apulischen Foggia, hat die heute 30-Jährige viel versucht, um in ihrem Heimatland einen Job zu bekommen. Doch nach der Krankenpflegeausbildung in Parma ging nicht mehr viel. „Ich habe mich in ganz Italien beworben, aber nicht einmal ein Jahresvertrag war zu bekommen“, sagt sie. Letzte Station ihrer beruflichen Odyssee: ein Rettungsdienst in Apulien. „Wenig Geld, kein Vertrag“, sagt Baldassarre.

Die 30-Jährige ist heilfroh, dass sie ihr Köfferchen gepackt hat, um nach Deutschland zu gehen, das sie schon von einem Sprachkursus kannte. Daheim gebe es zwar Sonne, Meer und die Familie, sagt sie, aber weder Geld noch Perspektive. Das fand sie in Neuss. Und mehr als das. In Italien würden selbst examinierte Kräfte wie Bittsteller behandelt, in Deutschland genieße sie „die Würde der Arbeit“, dazu Verlässlichkeit und Korrektheit. Nach sechs Monaten unter den Tedeschi hat sie aktuell nur einen Wunsch: „Ein Auto“.

Im Kollegenkreis und bei den Patienten kommen die Mitarbeiter aus „bella Italia“ mit ihrem oft heiteren Temperament gut an. Auch darauf hatte Andrea Albrecht gesetzt, als sie sich an eine italienische Agentur wandte, die junge Menschen unter 35 Jahren nach Deutschland bringt – die vorher über das Programm „Your first job in Europe“ einen Sprachkursus finanziert bekommen. Sie habe nicht mit den Headhuntern zusammenarbeiten wollen, von denen sich inzwischen Hunderte im Vermittlungsgeschäft tummeln und Menschen von allen Enden der Erde ins Land holen. Menschen, die nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen und deren Qualifikation nur schwer anerkannt wird. „Das sind hohe Hürden“, sagt Albrecht. Hürden, die in Europa abgeräumt wurden.

Dass Italien über den Bedarf Krankenpfleger und Hebammen ausbildet, hat nach Albrechts Kenntnis mit der Krise des Gesundheitswesens zu tun. Viele Krankenhäuser seien verschuldet, würden die Personaldecke äußerst kurz halten und nur befristete Verträge gewähren, die den Aufstieg in höhere Gehaltsstufen abbremsen. Dass andererseits Häuser wie das „Lukas“ auf die Hilfe ausländischer Fachkräfte angewiesen sind, zeigt ihr aber auch Fehler im deutschen System auf. „Der Markt mit Hebammen ist leer gefegt“, nennt sie ein Beispiel. Grund: Ein politisch fehl-gesteuertes Ausbildungssystem.

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