Neuss: Das Landestheater spielte an der Front

Neuss : Das Landestheater spielte an der Front

Mit Beginn des Dritten Reiches wurde auch das Theater in Neuss gleichgeschaltet und von den neuen Machthabern gefördert. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die Ensembles vor allem als Fronttheater im Einsatz.

Mit der Aufarbeitung der Zwangsarbeiter-Schicksale in Neuss hat Jens Metzdorf bereits ein lange ausgeblendetes Thema öffentlich gemacht. Jetzt lenkt der Leiter des Stadtarchivs den Blick auf ein gleichermaßen unerforschtes Terrain: das Landestheater im sogenannten Dritten Reich. Vor 75 Jahren, im Herbst 1938, ging es aus dem "Rheinischen Städtebundtheater" hervor und blieb bis im August 1944, als Reichspropagandaminister Joseph Goebbels alle Theater schließen ließ, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe der Propaganda, die die Theater brauchte, um die "Volksgenossen" bei Laune zu halten. Und das an allen Fronten.

Spielpause: Ensemble-Mitglieder des Rheinischen Landestheaters vor dem Arc de Triomphe in Paris. Foto: Stadtarchiv Neuss

Die Quellenlage im Stadtarchiv ist nicht sehr dicht, das Vorhandene zum Teil noch unbearbeitet, die ganze Geschichte des Theaters noch zu schreiben. "Aber eines ist sicher", sagt Metzdorf, "das Neusser Theater spielte in der NS-Zeit, in der großen Tragödie des 20. Jahrhunderts, zwischen intellektueller Banalität, mörderischem System und Krieg genauso mit wie viele andere Theater." Wenige, wie Metzdorf festhält, waren dabei dezidierte Nazis.

Intendant Robert Sawallisch aber muss zu diesen gezählt werden, er war bis 1944 auch Leiter des Kreiskulturamtes der NSDAP (nach dem Krieg konnte er als Leiter des Freilichttheaters am Blauen See in Ratingen wieder Fuß fassen). Dazu gehörten wohl auch viele gutgläubige Mitläufer, Indifferente und Hilflose und — auch das betont Metzdorf — einige wenige Träger des inneren Widerstandes.

Dass das 1925 gegründete Theater unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wie alle Kulturinistitutionen gleichgeschaltet wurde und in staatlichen Zugriff kam, ist eine Facette dieser Geschichte. Die unmittelbare Konsequenz daraus: Mit Boris Schirmann und Margot Lassner wurden im April 1933 die ersten jüdischen Künstler entlassen. Theatermeister Eugen Eggerath war schon zuvor als Kommunist verhaftet worden und kam ins Konzentrationslager.

Als Sawallisch 1934 das Theater als Intendant übernahm, stand es wirtschaftlich vor dem Aus. Die Weltwirtschaftskrise hatte das Haus getroffen, die meisten Städte, sprich: Gesellschafter, stiegen nach einer defizitären Spielzeit 1932 aus dem Projekt Städtebundtheater aus. Auch Neuss verfolgte lange diese Politik. So wandte sich Sawallisch schließlich 1936 direkt an den Reichsminister Goebbels, dessen Bruder Hans NSDAP-Fraktionsvorsitzender im Neusser Rat war, und hatte Erfolg. Das Städtebundtheater wurde zwar per Erlass vom 11. März 1937 aufgelöst, an seine Stelle trat aber zunächst ein Zweckverband, bis 1938 das "Rheinische Landestheaters Neuß" gegründet wurde.

Das wurde im Zweiten Weltkrieg voll eingespannt, das Fronttheater Hauptarbeitsgebiet der Schauspieler, die der kämpfenden Truppe an die immer ausgedehnteren Fronten im Westen folgten. "Von 773 Aufführungen zwischen September 1940 und April 1931 fanden alleine 506 in Belgien oder Frankreich statt", sagt Metzdorf. Fotos im Stadtarchiv zeigen Ensemblemitglieder in Paris. Im April 1943 erlebte sogar eine Inszenierung der Neusser Bühne im Ausland Premiere. Der Titel der in Arnheim aufgeführten Operette hatte schon da mit der Wirklichkeit vieler Menschen wenig zu tun: "Schön ist die Welt".

(NGZ)
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