Neuss: Das große R(h)einemachen

Neuss: Das große R(h)einemachen

Jede Menge Treibgut und Hochwasser-Schäden - ein Fall für das Arbeitsschiff "Neuss"

Plötzlich brummen die beiden Dieselmotoren deutlich lauter, das Wasser hinter dem Schiff beginnt stark zu sprudeln. Rudi Kleinfeld muss gegen die Strömung steuern: Ganz langsam manövriert er das tonnenschwere Arbeitsschiff bei Rheinkilometer 736 ans Ufer. "Bei dem Pegelstand muss ich noch vorausschauender fahren als sonst", sagt der Schiffsführer konzentriert. Der Grund für den Zwischenstopp an der Erftmündung bei Grimlinghausen: Das Hochwasser der vergangenen Tage hat dort einen schweren Baumstamm angespült, der ins Wasser zu fallen droht. Er kann zu einer Gefahr für den Schiffsverkehr auf dem Rhein werden. "Solche Gefahrenquellen müssen wir beseitigen", sagt Wasserbaumeister Josef Zimmermann. Er und sein Team vom Außenbezirk Neuss des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Köln halten insgesamt 42 Rheinkilometer zwischen Dormagen-Zons und Krefeld-Uerdingen in Schuss.

Der Greif-Bagger hievt einen Anker für eine Schwimm-Tonne als Ersatz für eine Radarbake ins Wasser. Foto: Hogekamp Lena

Nach Pegelständen von bis zu 8,37 Metern steht für die Schiffsführer, Matrosen und Arbeiter jetzt das große Aufräumen auf dem Plan - so wie bei Kilometer 736. Jede Menge Gehölz und Abfall treiben auf der Oberfläche der Bundeswasserstraße und bleiben an den Ufern hängen. Der Baumstamm bei Grimlinghausen ist zwar nur einer von vielen, und eigentlich herrscht bei den Männern an Bord bereits Routine - doch der dicke Stamm hat es in sich: Nur mit Mühe gelingt es Geräteführer Reiner Schlicht, das morsche Holz mit seinem Greif-Bagger vom Arbeitsschiff aus zu packen und es an Bord bei den anderen großen Ästen, Stämmen und dem verrosteten Metallschrott abzulegen. Die Wassermassen haben in den vergangenen Tagen so einiges zutage gefördert - darunter zwei Einkaufswagen und Autoreifen. Vor einigen Jahren hatten die Männer ein Autowrack aus dem Rhein gefischt, das 20 Jahre samt des zwischenzeitlich skelettierten Fahrers und dessen Hund auf dem Grund gelegen haben soll.

Schiffsführer Rudi Kleinfeld an der Diesel-Tankstelle: Sein Schiff tankt 2000 Liter in 40 Minuten. Foto: Hogekamp Lena

Die große Gefahr auf dem Fluss: Gelangt schweres Treibgut in die Schiffsschrauben, können die Schiffe gravierenden Schaden nehmen. Doch Wasserbaumeister Josef Zimmermann und sein Team müssen noch auf ganz andere Gefahren reagieren: Durch den enormen Druck der Wassermassen sind einige Radarbaken an den Rheinbuhnen umgeknickt und für vorbeifahrende Schiffe nicht mehr zu erkennen - trotz des inzwischen wieder sinkenden Pegels. "Wir werfen an diesen Stellen schwimmende Schifffahrtszeichen aus", erklärt der 59-Jährige, für den das Hochwasser nach vier Jahren ohne außergewöhnlich hohe Pegelstände Abwechslung bringt. "Bauwerkstonnen" nennen sich die schwimmenden Zeichen, die Schiffsführer vor den Hindernissen warnen sollen. Sie werden von einer robusten Kette gehalten, die mit einem 750 Kilo schweren Steinanker verbunden ist.

Schiffs-Romantik an Deck und im Steuerstand: Josef Zimmermann (rechts) hat von oben alles im Blick. Foto: Hogekamp Lena

Die Arbeiter auf dem 65 Meter langen Arbeitsschiff "Keiler" aus Köln, das jetzt für drei Wochen in Neuss stationiert ist, werfen die rot-weiß schraffierte Schwimm-Tonne auf das Kommando von Josef Zimmermann ins Wasser. Wenige Sekunden später folgt der schwere Ankerstein. Schiffsführer Rudi Kleinfeld versucht dafür so nah wie möglich an die Stelle heranzufahren, an der die umgeknickte Radarbake im Wasser liegen muss - eine Aufgabe, bei der der 29-Jährige jede Menge Fingerspitzengefühl an den Tag legen und sich stets an den Markierungen auf seinem Radar-Monitor orientieren muss.

Die Mitarbeiter des Schifffahrtsamtes bergen Treibgut mit einem schweren Raupenbagger. Foto: Hogekamp Lena

Als er beim Schippern mit dem Strom davon erzählt, dass er sich mit dem Schiffsführen einen Kindheitstraum erfüllt hat, wird es doch noch einmal hektisch: Josef Zimmermann stellt auf dem Weg zurück zum Erftkanal am Neusser Hafen fest, dass die Tonne zu weit ins Fahrwasser ragt. Schnell ruft er Verstärkung: Das Arbeitsschiff "Neuss", das mit einem Spezial-Hebekran ausgerüstet ist, eilt aus Richtung Süden zur Hilfe. Die Tonne muss geborgen und noch einmal neu platziert werden. Dann steigt die Spannung: Geräteführer Reiner Schlicht und seine Kollegen bringen sich in Position - und lassen das Fahrzeichen prompt ins Wasser fallen, als Josef Zimmermann von der Reling am Steuerposten aus laut "Jetzt" ruft und ein Zeichen gibt. Die Landung der Tonne: ein Volltreffer. "Perfekt", sagt Schiffsführer Rudi Kleinfeld. Dann per Funkspruch ein kleines Kompliment vom Steuerstand der "Neuss": "Jawohl, liegt schön." Christian Kandzorra

Er sitzt am Steuer der "Neuss": Christopher Sironic. Für den Antrieb sorgen PS-starke Motoren (rechts). Foto: Hogekamp Lena
(NGZ)