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Neuss: Das Elektroauto für alle kommt

Neuss : Das Elektroauto für alle kommt

125 Jahre Auto: Die Branche feiert Jubiläum und erinnert an eine Erfindung, die die Welt verändert hat. Gleichzeitig stehen Industrie und Handel mit Einführung des Elektroautos an einem Wendepunkt. Fragen an Peter Dahlmann, über 30 Jahre Chef der Autohaus-Gruppe Dresen.

Herr Dahlmann, was unterscheidet Automobilhändler heute von den Pionieren, die vor 125 Jahren anfingen, die ersten Wagen an den Mann zu bringen?

Foto: woi, Ausriss: NGZ 1888

Peter Dahlmann Damals waren das Menschen, die sich vor allem mit der Technik beschäftigt haben: Mechaniker und Erfinder. Was sie produzierten, haben sie auch verkauft. Ich hingegen bin Kaufmann und kein Techniker. Autohändler heute verkaufen nicht nur Fahrzeuge. Sie decken auch ein ganzes Dienstleistungsspektrum ab, von der Reparatur über Autovermietung, Finanzdienstleistungen und Leasing bis zu Versicherungsdiensten. Für jeden Bereich haben wir Spezialisten.

Kann sich ein einzelner Händler das noch leisten?

Dahlmann Kaum. Autohäuser werden immer größer. Die einzelnen Händler sterben aus. Auf dem Land schaffen sie es vielleicht noch, aber in den Großstädten können kleine Autohäuser, wie man sie früher kannte, auf Dauer kaum noch überleben. Das hat auch mit den ständig steigenden Anforderungen an EDV und Technik zu tun — ein hoher Kostenfaktor. Damit sind Einzelkämpfer schnell überfordert.

Und diese hohen Anforderungen stellen die Autohersteller?

Dahlmann Wir müssen in Ausstellungshallen und Corporate Identity investieren, vor allem aber in EDV und Personal. Das ist der größte Kostenfaktor. Zudem werden unsere Mitarbeiter ständig geschult. Von unseren rund 600 Beschäftigten — in 21 Autohäusern — sind immer etwa zehn auf Schulung. Das gilt im technischen wie im kaufmännischen Bereich gleichermaßen.

Dresen — für die Neusser früher "Opel Dresen" — hat früh auf Markenvielfalt und Expansion gesetzt. Waren Sie Vorreiter in der Branche?

Dahlmann Wir waren einer der ersten Händler, der weitere Fabrikate hinzugenommen hat. Zunächst mussten wir dafür noch eigene Gebäude errichten, an der Moselstraße zum Beispiel das Nissan-Haus. Mit der der Gruppenfreistellungsverordnung wurde es dann einfacher, mehrere Fabrikate an einem Standort anzubieten.

Und der Trend zum Multi-Marken-Anbieter geht weiter?

Dahlmann Abgesehen von einigen Spezialisten, zum Beispiel für Porsche, wird das so sein. Die meisten Händler orientieren sich am Markt und nutzen die Chance, des Ausgleichs: Wenn eine Marke schwächelt, können sie Umsatzverluste mit anderen Marken ausgleichen. Wir hatten ein solches Problem mit Opel, einer Marke, die seit Jahren in den Schlagzeilen ist, was jedes Mal mit Umsatzrückgängen verbunden war. Durch den Verkauf von Autos anderer Fabrikate ließ sich das auffangen. Die Händler werden so etwas unabhängiger von den Herstellern und Trends.

Was zählt heute bei der Kaufentscheidung der Kunden? Mode, Ökologie, Leistung, Preis?

Dahlmann Das ist sehr unterschiedlich. Viel hängt vom Image des Produktes ab. Danach wird auch nach Verbrauch, Umweltfreundlichkeit und Sicherheit gefragt. Garantieleistungen und Zusatzangebote, etwa für Finanzierung und Service, spielen ebenfalls eine Rolle. Im Trend liegen verbrauchsarme Autos. Vor allem Diesel-Motoren bieten heute eine hohe Energieausbeute. Wir haben Fahrzeuge, die mit einer Tankfüllung weit über 1000 Kilometer weit kommen.

Beim Thema Trends kommt man an der Elektromobilität kaum vorbei. Wie sieht der Autohandel das Elektro-Auto?

Dahlmann E-Mobilität ist die Zukunft — auch für den Autohandel. Wir starten im Herbst mit dem Ampera von Opel und dem Volt von Chevrolet, beides sind Fahrzeuge mit einem kleinen Verbrennungsmotor, der, wenn die Batterien erschöpft sind, den Stromgenerator antreiben kann und so für eine fast unbegrenzte Reichweite sorgt. An solchen Autos kommen wir nicht vorbei.

Wann werden E-Autos für die Masse der Kunden erschwinglich sein?

Dahlmann Es wird darauf ankommen, ob sich Gesetzgeber entscheidet, E-Fahrzeuge zu subventionieren. Mit steigenden Stückzahlen werden auch die Preise sinken. Grundsätzlich sind die Elektroantriebe — abgesehen von den Batterien — in der Produktion eigentlich sogar günstiger als Verbrennungsmotoren.

Über welche Zeiträume sprechen wir?

Dahlmann Das kommt nicht sofort und in der Masse auch nicht in den nächsten zwei, drei Jahren. Aber in zehn Jahren werden wir erleben, dass ein Großteil unserer Autos mit Elektroantrieb unterwegs ist.

Wenn Sie zurückschauen auf die Entwicklung der Dresen-Gruppe: Wie lautet das Erfolgsrezept, mit dem das Unternehmen seit 1975 kontinuierlich gewachsen ist, während viele andere Händler aufgeben mussten?

Dahlmann Wir haben immer den Markt genau beobachtet und neue Chancen gesucht. Ein Beispiel: Neuss war nach der Insolvenz eines Autohauses zwei Jahre ohne Ford-Händler. Da lag es für uns nahe, mit Ford in Köln zu sprechen, ob wir gemeinsam den Markt bearbeiten könnten. Das war damals ein Novum: Ford und Opel in einem Autohaus. Wir waren in Deutschland die ersten, die das gemacht haben.

Wo sehen Sie aktuelle Risiken für Ihre Branche?

Dahlmann Ein Konjunktureinbruch in der Folge der Euro-Krise würde uns natürlich sehr schaden. Dann stellen die Kunden ihre Kaufentscheidungen zurück. Das betrifft den Autohandel und noch drastischer das Geschäft mit Motorrädern.

Welche Bedeutung hat der Handel im Internet für ein Autohaus?

Dahlmann Wir nutzen den neuen Vertriebsweg Internet sehr intensiv und verkaufen darüber inzwischen Fahrzeuge in ganz Europa. In den vergangenen Wochen zum Beispiel haben wir Wagen nach Italien, Norwegen und Weißrussland ausgeliefert. Außerdem sind wir bei einem großen Teilehändler mit im Boot. Mit ihm liefern wir Ersatzteile in alle Welt. Die Kunden sitzen dann auch schon einmal in Vietnam.

Manchmal hat es den Anschein, es geht nur noch um den Verkauf neuer Autos. Spielt der Gebrauchtwagenmarkt noch eine große Rolle?

Dahlmann Ein Autohändler, der den Gebrauchtwagenmarkt nicht im Griff hat, hat keine Überlebenschance. Früher waren zehn Jahre alte Autos schrottreif, heute ist das anders. Gebrauchtwagen sind qualitativ besser und viel wertstabiler. Deshalb werden sie von den Kunden stärker nachgefragt. Das gilt besonders für die neuwertigen Fahrzeuge, die ein- bis eineinhalb Jahre alt sind. Auch das ist ein sehr wichtiger Markt für uns.

Frank Kirschstein führte das Gespräch.

(NGZ)