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Clemens-Sels-Museum Neuss zeigt Lithographien von Anatoli L. Kaplan

Ausstellung in Neuss : Das Leben jüdischer Familien in Bildern

Im Clemens-Sels-Museum wird am Dienstag die Ausstellung „Der behexte Schneider“ eröffnet. Der Grafiker Anatoli L. Kaplan hat ein altes Märchen in Bilder gefasst.

Einen großartigen und zugleich seltenen Einblick in die jüdische Kultur in Osteuropa bieten die 26 Farblitografien von Anatoli L. Kaplan, mit denen das Clemens-Sels-Museum den derzeit in mehreren Städten, eben auch in Neuss, stattfindenden Jüdischen Kulturtage seine Reverenz erweist. Im Grafischen Kabinett des Museums wird am morgigen Dienstag die Ausstellung „Der behexte Schneider“ eröffnet. Der Maler und Grafiker Kaplan, Jahrgang 1902, illustrierte 1957 die Geschichte von Scholem Alejchem (1859 bis 1916). Die jüdische Kultur damals war geprägt von Armut, aber auch von dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Diese Aspekte spiegeln die 26 Exponate wider.

Die Direktorin des Clemens-Sels-Museums, Uta Husmeier-Schirlitz, nutzte ihre Kontakte zu der in Düsseldorf lebenden Tanya Rubinstein-Horowitz, die mit der Sammlung ihres Großvaters aufgewachsen ist. Sie hat die Arbeiten als Leihgabe dem Museum zur Verfügung gestellt. „Die Grafiken geben einen besonderen Einblick in die jüdische Kultur jener Zeit“, erklärt Husmeier-Schirlitz.

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Der Maler und Grafiker Anatoli L. Kaplan hatte die Lebenswirklichkeit der osteuropäischen Juden um die Jahrhundertwende kennengelernt und sie dann 1957 authentisch umgesetzt, als er sich der Erzählung „Der behexte Schneider“ widmete. Scholem Alejchem, der zuletzt in New York lebte, war bereits zu Lebzeiten sehr populär, man nannte ihn den Mark Twain der jüdischen Literatur. Kaplan illustrierte diese Geschichte auf die für ihn typische Weise. Uta Husmeier-Schirlitz macht auf „das Chagallische“ aufmerksam, das immer wieder durchscheine. Der Künstler gibt den Blick frei auf eine Welt, die längst untergegangen ist und von der nur vergleichsweise wenige Zeugnisse existieren. Was sofort auffällt: Die farbigen, ornamenthaft gerahmten Szenen verleihen den Exponaten etwas Kostbares.

Kaplan beschönigt aber nichts, die bittere Armut der Juden wird mehr als deutlich, der Eindruck der Kostbarkeit bezieht sich deshalb wohl eher auf die seltenen Erinnerungen, die visualisiert werden. Es geht um einen armen Flickschuster, der für sich und seine Familie durch einen finanziellen Kraftakt eine Ziege kauft. Doch die Enttäuschung ist groß: Die Ziege erweist sich als Bock, der keine Milch gibt. Dahinter steckt ein vom Flickschuster gering geschätzter Verwandter. Besonders beeindruckend ist das Bild von der Wohnstube des armen Ziegenbesitzers: Ein Kind uriniert in ein Gefäß, die Hühner laufen im Raum herum, alles wirkt mehr als bescheiden.

Neben diesen besonders interessanten zeitgenössischen Einblicken in das Milieu der Juden, die durch ihre Fülle an Eindrücken und Informationen beeindrucken, sind auch Stillleben zu sehen. Der Künstler kaschiert die Armut, indem er etwa recht kostbar erscheinende Öllampen zeigt. Die zeigen aber nur, dass es keinen Strom in den Häusern der armen Juden gab. Auch die Tiere, wie man sie sonst nur aus der Wappenkunst kennt, stehen für Bedeutung und Würde.

Doch kaum ein Besucher wird die Ausstellung in bedrückter Stimmung verlassen. Das liegt daran, dass immer wieder der typisch jüdische Humor aufblitzt, ein Trotz—allem-Optimismus, der den Menschen über die zahlreichen Repressalien hinweghalf. Texte erleichtern den Besucher den Zugang zur Thematik.