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Neuss/Analyse: CDU und ihre Rolle als Volkspartei

Neuss/Analyse : CDU und ihre Rolle als Volkspartei

Halbmond und Stern, der türkischen Flagge entliehen und in das CDU-Logo eingearbeitet, schütteln die Neusser Christdemokraten kräftig durch. Eine Partei erschrickt, dass sie Spiegelbild der Gesellschaft ist.

Seine Eltern sind Türken. Er ist Muslim. Yasar Calik ist in Duisburg geboren, hat die Bundeswehr nach zwölf Jahren als Hauptfeldwebel verlassen. Womöglich ist der Inhaber einer Fahrschule ein Wandler zwischen den Welten. Jetzt hat der Deutschtürke als Ratskandidat der CDU entschieden, ihm vertraute Elemente aus der türkischen Flagge, Halbmond und Stern, im Wahlkampf optisch einzusetzen - offenbar in der Überzeugung, so punkten zu können. Vielleicht wollte er nur die Offenheit der Christlich-Demokratischen Union demonstrieren, vielleicht hoffte er aber auch auf Stimmen aus muslimischen Migrantenfamilien mit EU-Pass.

Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Ob er dabei bewusst oder unbewusst das CDU-Logo verfremden ließ, ist fast schon nebensächlich. Viel spannender ist, was Yasar Calik mit seiner Aktion ausgelöst hat - einen Aufschrei! Bundesweit im Internet und an der eigenen Parteibasis. Dieser leidenschaftlich zur Schau gestellte Gesprächsbedarf belegt nur eins: Die CDU - und sie steht in diesem Fall vermutlich für weite Teile der Neusser Gesellschaft - ist nicht fertig mit dem Thema Integration. Präziser formuliert: Migranten und deren Kinder fordern - nachvollziehbar - Teilhabe an der politischen Willensbildung und den Entscheidungsprozessen.

Dafür gibt es zwei Modelle: Die etablierten (Volks-) Parteien CDU, SPD, FDP oder auch die Grünen öffnen sich für Mitglieder und Kandidaten mit "Migrationshintergrund", oder die Migranten sammeln sich in eigenen Parteien. Beide Entwicklungen sind zur 2014er-Wahl in Neuss zu beobachten. Noch nie standen so viele Namen von Neusser Migranten in den Wahllisten der Altparteien, und erstmals stellt sich mit dem Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) eine von Migranten geprägte Gruppierung der Kommunalwahl.

Die CDU und ihre altgedienten Mitbewerber werden sich entscheiden müssen. Klar ist aber auch: Da besteht Gesprächsbedarf. Diese notwendige, vielleicht sogar schmerzhafte Diskussion kommt - und sie muss offen und ehrlich geführt werden. So gesehen kann die in vielen Augen lästige Halbmond-Debatte für die CDU ein Gewinn sein: Sie kann zeigen, dass sie mehr ist als ein reiner Verwaltungsapparat, der Wahlkämpfe organisiert und Karrieren befördert. Sie wird darum streiten, für welche Werte sie steht - gestern, heute, morgen - in Neuss, im Rhein-Kreis, im Land und im Bund.

Gut so!

(NGZ)