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Caritas-Direktor Norbert Kallen zu Erfolgen in Arbeitslosenprojekten

Interview mit Norbert Kallen aus Neuss : „Arbeitslosenprojekte sind ein Knochenjob“

Ehemaliger Caritas-Direktor im Rhein-Kreis nennt jede dauerhafte Vermittlung einen Erfolg.

Herr, Kallen, die Stadt weitet ihr Engagement auf dem sozialen Arbeitsmarkt aus. 26 Stellen konnten mit Langzeitarbeitslosen besetzt werden, für 44 Stellen werden noch Bewerber gesucht, aber acht sind auch schon gescheitert. Woran liegt das?

Norbert Kallen leitete bis Ende 2019 die Geschäfte der Caritas. Foto: Andreas Woitschützke

Norbert Kallen Zu den Gründen macht die Stadt keine Angaben. Könnte es sein, dass die Verwaltung ziemlich blauäugig an das Vorhaben herangegangen ist? Es reicht nicht, sozialer Arbeitgeber sein zu wollen und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Anders als beim „normalen“ Arbeitnehmer muss man sich um die multiplen Vermittlungshemmnisse kümmern.

Als da wären?

Kallen Die möglicherweise noch nicht kurierte Suchterkrankung, die immer noch virulenten psychischen Probleme, die Schulden, die drohende Wohnungskündigung, die nicht oder nur schlecht versorgten Kinder einer Alleinerziehenden. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Wir sprechen hier nicht über Menschen, die nach zwei oder drei Jahren Arbeitslosigkeit endlich wieder arbeiten oder zeigen wollen, dass sie etwas können.

Sondern?

Kallen Über Menschen, die oft so lange ohne Job sind, dass sie erst mühsam wieder trainieren müssen, pünktlich und regelmäßig einer Beschäftigung nachzugehen und den Tag zu strukturieren. Menschen mit so großen Problemen, dass diese sie hindern, einen klaren Kopf zu haben, um ihren Alltag zu strukturieren. Ich weiß aus der Arbeit der Caritas mit diesen Menschen wie schwer es für viele von ihnen ist, diesen Teufelkreis zu durchbrechen.

Kann man bei 26 besetzten Stellen von einem Erfolg spechen?

Kallen Wenn man sich das gerade Gesagte vor Augen hält, ist das Durchhalten eines jeden Einzelnen ein Erfolg. Aber hören Sie sich in der Arbeitswelt um. Auch dort führt nicht jeder Arbeitsvertrag zu einem dauerhaften Erfolg. Auch bei denen, die die Stadtverwaltung wieder verlassen haben, kann der Grund dafür etwa darin liegen, dass sie aufgrund körperlicher Einschränkungen die zugedachte Arbeit nicht leisten konnten. Mann muss da genau hinschauen.

Lustlosigkeit oder Arbeitsverweigerug schließen Sie aus?

Kallen Nein. Auch solche Fälle gibt es natürlich. Wie viele das sind, darüber wird es wahrscheinlich keine Statistik geben. Nach meiner Einschätzung wird es sicher eine Minderheit sein. Den Frust, dass es Menschen gibt, die sich in einer „Hängematte sozialer Wohltaten“ ausruhen wollen, muss man ertragen. Arbeitslosenprojekte sind eben ein Knochenjob. Auch für Arbeitgeber und Kollegen. Man muss Zeit investieren, Empathie aufbringen, sich gedulden – und auch mit dem Scheitern rechnen.