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Neuss: Bundestagskandidaten im Kreuzverhör

Neuss : Bundestagskandidaten im Kreuzverhör

Bei der NGZ-Wahlbühne standen Samstag fünf Direktkandidaten für den Bundestag unseren Redakteuren Ludger Baten und Wiljo Piel Rede und Antwort. 120 Besucher erleben in der Internationalen Schule zwei spannende Politikstunden.

Nach 30 Minuten ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Denn auf die noch lockere Vorstellrunde folgt bei der Podiumsdiskussion "NGZ-Wahlbühne" am Samstag vor 120 Zuhörern die beinharte Auseinandersetzung mit der Sachpolitik der Parteien. Fünf Kandidaten – fünf Meinungen? Das gilt nicht immer. Denn geht es um die Zukunft der Braunkohle, Ausnahmeregelungen für energieintensive Industrien beim Thema Strompreise oder den umstrittenen Bau eines Stromkonverters, zeigen die fünf Bewerber um das Bundestagsdirektmandat doch, dass sie auch Kämpfer für ihre Heimatregion sind.

 Hermann Gröhe (CDU), der sein Direktmandat verteidigen will, mit NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten.
Hermann Gröhe (CDU), der sein Direktmandat verteidigen will, mit NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Hermann Gröhe (CDU), der das Direktmandat im Wahlkreis 108 schon mehrfach erringen konnte, stehen auf dem Podium der Internationalen Schule (ISR) am Rhein in Neuss vier Herausforderer gegenüber: Klaus Krützen (SPD), Bijan Djir-Sarai (FDP), Lars Schellhas (Grüne) und Walter Rogel-Obermanns (Die Linke) – allesamt Kandidaten für eine Fraktion, die im Bundestag vertreten ist. Ihnen fühlen die NGZ-Redakteure Ludger Baten und Wiljo Piel zwei Stunden lang auf den Zahn. Es geht um Ausspähaktionen amerikanischer Geheimdienste, Steuerpolitik, Mindestlohn, Energiewende, regionale Themen – und einen möglichen Militärschlag gegen Syrien. Oft ähneln die Ansichten der Kandidaten den Verlautbarungen ihrer Parteien – aber nicht immer. "Assad ist ein Diktator, aber was wäre die Alternative?", geht Djir-Sarai auf Distanz zur syrischen Opposition, die im Westen große Sympathie genießt. "Dass sie gegen Assad sind, heißt ja nicht, dass sie bessere Menschen sind." Ein Macher mit Meinung.

 Bijan Djir-Sarai (FDP) und SPD-Kandidat Klaus Krützen (v. l.) nahmen auch zu außenpolitischen Themen Stellung.
Bijan Djir-Sarai (FDP) und SPD-Kandidat Klaus Krützen (v. l.) nahmen auch zu außenpolitischen Themen Stellung. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Die Parteienvielfalt auf dem Podium wird ergänzt um eine Vielfalt der Charaktere. Walter Rogel-Obermanns, Kandidat der Partei "Die Linke", präsentiert sich als Politiker der Arbeitnehmer. Was ihm an Professionalität fehlt, sucht er durch gewerkschaftliche Bodenständigkeit wett zu machen. "Wir haben zu viele Minijobber. Wo sollen die das Geld für eine private Altersvorsorge herbekommen?", fragt er beim Thema Mindestlohn. Ganz anders verkauft sich Lars Schellhas, mit 18 Jahren der Jüngste auf dem Podium. Er zeigt sich fit in grüner Wirtschafts- und Energiepolitik – "Wir müssen unsere Industrie von den weltweit steigenden Preisen für fossile Energie entkoppeln" – spielt ansonsten gern den Kleinen: "Ich höre lieber erst einmal zu, was andere sagen." Was nicht heißt, dass er sich versteckt: "Die kalte Progression ist doch Teil Ihrer Steuerkalkulation", kontert er forsch Hermann Gröhe, als dieser vom Ziel der Bundesregierung spricht, diese abschaffen zu wollen. Gröhe: "Lohnerhöhungen sollen nicht beim Bundesfinanzminister bleiben, sondern bei denen, die sie sich verdient haben."

 NGZ-Redakteur Wiljo Piel mit Lars Schellhas (Grüne) und Linken-Kandidat Walter Rogel-Obermanns (v. l.).
NGZ-Redakteur Wiljo Piel mit Lars Schellhas (Grüne) und Linken-Kandidat Walter Rogel-Obermanns (v. l.). Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Klaus Krützen überzeugt als Herausforderer, kann sticheln, argumentiert sachlich. Was er an der Bundeskanzlerin schätzt? "Dass sie sich gegen viele Männer durchgesetzt hat." Ende. Mehr Worte ist ihm der politische Gegner nicht wert, mehr Wertschätzung fällt ihm nicht ein. Aber er wird wortreicher, wenn es darum geht, sozialdemokratische Positionen zu vertreten. In der Syrienfrage ("Wir treffen unsere Entscheidungen aus unserer Geschichte heraus und nicht, um den USA gefällig zu sein") oder bei den SPD-Steuerplänen: "Die Erhöhungen treffen Haushalte, die sich das leisten können. Und wir stopfen mit dem Geld nicht Haushaltslöcher, sondern investieren in Bildung und Infrastruktur. Denn Deutschland lebt derzeit von der Substanz."

Hermann Gröhe hat es in diesem Kreis einfach – und schwer. Einfach, weil er, Inhaber des Direktmandates und seit 2009 CDU-Generalsekretär, nicht nur die größte Erfahrung aller Podiumsteilnehmer hat, sondern weil er mit Erfolgen argumentieren kann. Zum Beispiel bei der Mindestlohndebatte, die von der Opposition immer angefacht wird. Für Gröhe ein Beispiel für den Widerspruch zwischen Reden und Tun: "Für vier Millionen Menschen wurden unter unionsgeführten Bundesregierungen Mindestlöhne geschaffen. Unter Rot-Grünen für keinen einzigen." Schwer ist sein Part, weil er nicht selbstzufrieden wirken darf. Das gelingt. Und am Ende kann sich der bundesweit gefragte und geforderte Gröhe über das Lob von Schellhas freuen: "An Hermann Gröhe schätze ich, dass er im Wahlkreis so präsent ist."

(NGZ)