Neuss: "Bürgergesellschaft ist eine Chance"

Neuss : "Bürgergesellschaft ist eine Chance"

Johann Andreas Werhahn, Präsident der Bürgergesellschaft, erläutert, wie sich eine 150 Jahre alte Institution fit für die Zukunft macht: Christliches Wertekonzept als Antwort auf den gesellschaftlichen Egoismus.

Herr Werhahn, welche Bedeutung hat das Jubiläum "150 Jahre Bürgergesellschaft" in Ihren Augen?

Johann Andreas Werhahn Auf 150 erfolgreiche Jahre darf man stolz sein. Die "Bürger" ist neben dem Bürger-Schützen-Verein eine Säule der Neusser Gesellschaft. Aber Verdienste der Vergangenheit tragen uns nicht in die Zukunft. Darum haben wir die Veranstaltungen des Jubiläumsjahres auch nicht als Rückschau angelegt, sondern wir blicken voller Tatendrang nach vorn. Darauf freue ich mich.

Die Bürgergesellschaft zu Neuss steht am Beginn ihres Jubiläumsjahres. Sie wird 150 Jahre alt. Ist die Institution "Bürger" wichtig für die Stadt Neuss?

Werhahn Jeder ist ersetzbar. Auf Dauer wird niemandem nachgetrauert. Diese rationale Erkenntnis gilt auch für unsere Bürgergesellschaft. Die "Bürger" kann aber Gutes für Neuss und die Neusser tun. Wir sehen in der modernen "Bürger" eine Chance für die bürgerliche Gesellschaft, wenn aber die Menschen dieses Angebot nicht mehr annehmen wollten, dann ist der Auftrag beendet.

Das Ende zeichnet sich aber nicht ab. Im Gegenteil. Sie haben eine rundum erneuerte Bürgergesellschaft übernommen. Gefällt Ihnen das?

Werhahn Der komplette Vorgängervorstand unter Präsident Hermann-Josef Kallen hat die erforderliche Öffnung vorangetrieben. Natürlich gehörten zuvor schon Frauen der Gesellschaft an — aber nur Witwen. Natürlich gehörten der "Bürger" zuvor schon evangelische Christen an — aber nur wenige Ausnahmen. Heute haben wir eine Satzung, die die Aufnahme von Frauen und evangelischen Christen strukturell zulässt — und das ist gut so.

Kritiker sprechen von einer Liberalisierung ...

Werhahn Wir haben es hier nicht mit einer Liberalisierung, sondern mit einer Profilierung zu tun. Wer Mitglied der "Bürger" werden möchte, muss sich im Aufnahmeantrag zum Christentum bekennen. Wir stellen uns mit unserem Wertekonzept gegen den gesellschaftlichen Trend zum Egoismus. Im Vordergrund steht das Engagement aus der Liebe zur Sache. In diesem Sinne handeln wir zweckfrei, ohne einen persönlichen Nutzen anzustreben.

Was dürfen Neuss und die Neusser von ihrer "Bürger" erwarten?

Werhahn Die "Bürger" will mit ihrem Gesellschaftshaus örtliche und mit ihrem christlichen Wertekonzept geistige Heimat sein. Diese Heimat schützt vor Gegenwind in einer zunehmend entchristlichten Welt. In dieser Geborgenheit bieten wir Zeit und Raum, um in Muße nachzudenken. Wir werden die Kultur der Reflexion fördern, dazu zähle ich ausdrücklich auch die Streitkultur in einer gepflegten Atmosphäre.

Welche Rolle spielt die Ökumene?

Werhahn Wir leben unseren christlich geprägten Verein. Wir alle schämen uns nicht, vor dem Essen zu beten. Wir feiern eine Messe in St. Quirin, wir feiern sicher demnächst einen Gottesdienst in der Christuskirche. Wir machen Glauben erlebbar, in dem wir das Martinsfest feiern und kirchliche Feste wie die Quirinusprozession unseren Mitgliedern empfehlen. Vor allem gehen wir vertrauensvoll miteinander um, schlachten Schwächen des anderen nicht aus. Diese Nächstenliebe macht uns christlich und unterscheidet uns dann vielleicht von anderen Vereinigungen.

Die Bürgergesellschaft ist also mehr als ein humanistischer Verein?

Werhahn Unsere Mitglieder sind weder heilig noch frömmelnd. Aber wir bekennen uns alle zum christlichen Weltbild. Das unterscheidet uns.

Warum haben Sie sich entschlossen, das Präsidentenamt anzunehmen?

Werhahn Die Stadt Neuss und ihre Menschen, die Bürgergesellschaft und ihre Mitglieder haben meiner Frau und mir persönlich viel gegeben. Ich liebe unser Neuss. Als Präsident der Bürgergesellschaft werde ich versuchen, der Stadt und ihren Einwohnern etwas zurückzugeben. Das Jubiläumsjahr 2011 ist insofern auch für mich ein Neubeginn. Das gute Fundament ist von den Vorgängern gelegt. Darauf möchten unser Vorstandsteam und ich die gute Zukunft der Bürgergesellschaft bauen.

Ludger Baten führte das Gespräch

(dhk)
Mehr von RP ONLINE