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Serie: Rätsel der Stadt: Warum tragen Schützen Spazierstock?

Serie: Rätsel der Stadt : Warum tragen Schützen Spazierstock?

Warum ist an Ehrenabenden die "Bewaffnung" anders? Spazierstock statt Gewehr.

Das Holzgewehr ist des Neussers Schütze ständiger Begleiter - zumindest an den Festtagen Ende August. Zum Zeichen seiner friedlichen Absichten steckt er zudem Blumen in den Lauf. Damit marschiert er zur Parade auf und drei Tage durch die Stadt. Es ist ein vertrautes Bild: Der Schütze in Uniform mit einem von Blumen geschmückten Holzgewehr. Doch an den Ehrenabenden ist alles anders. Der Marschierer trägt anstelle der Uniform dunklen Anzug und einen Spazierstock. Aber warum ist das so?

Eine Frage, typisch für Neuss und sie wird von den Neussern in ihrer Art ebenso typisch beantwortet. "Weil es immer so war", sagt Oberschützenmeister Martin Flecken (60) und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen - und dabei weiß Flecken eigentlich auf alle Fragen, die rund ums Schützenfest auftauchen könnten, eine Antwort. Aber bei der Frage, warum Schützen an den vorgelagerten Ehrenabenden für König, Oberst und Grenadiermajor mit einem Spazierstock marschieren, muss er passen: "Alles, was ich sagen könnte, wäre Spekulation." Aber: "Aber ich werde nach den Gründen und Anfängen dieser Tradition suchen", verspricht der designierte Präsident.

Auch der amtierende Präsident ist nicht klüger. "Ich weiß es nicht", räumt Thomas Nickel (69) ein und ist sich in einer Einschätzung ziemlich sicher: "Den Spazierstock müssen wir als Gewehrersatz ansehen."

In die Gruppe der Unwissenden reiht sich auch Heinz Günther Hüsch (88) ein, der vor 60 Jahren zum ersten Mal marschierte: mit Spazierstock beim Heimgeleit und mit Gewehr an den Schützenfesttagen. Sein Erklärungsversuch: Die Schützen pflegen mit ihren Aufzügen zum Schützenfest einen durchaus ironischen Blick auf alles Militärische. Da spaziere das Regiment zunächst an den Ehrenabenden noch zur Übung "unterhalb von Disziplin und Ordnung" und mache das deutlich, in dem sich die Aktiven mit einem Stock zeigen, wie ihn einst die Bürger nutzten: "Es scheint mir der humorvolle Gegenpol zum eher militärisch-akkuraten Erscheinungsbild bei der Parade zu sein."

Auch Jens Metzdorf (51), Leiter des Stadtarchivs und selbst Schütze, hat keine gesicherte Erkenntnis, warum an den Ehrenabenden der Spazierstock mitgeführt wird. "Es ist eine Art Gewehrersatz, aber woher es kommt und seit wann Spazierstöcke getragen werden, ist mir nicht bekannt", sagt Metzdorf, "vielleicht ist irgendwer mal angefangen und alle haben es nachgemacht. Das Rätsel bleibe womöglich ungelöst. Für Hermann-Josef Verfürth (68), Schützenkönig von 2008/09, symbolisiert der Spazierstock schlicht und einfach "Gemütlichkeit".

(-lue)