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Schützenfest Neuss 2022: Wie ich nach Neuss zog und im Schützenfest landete​

Ein ehrlicher Erfahrungsbericht : Wie ich nach Neuss zog und völlig überrascht im Schützenfest landete

Im August 2022 ist unsere Autorin nach Neuss gezogen – völlig im Unklaren darüber, was es heißt, hier Schützenfest zu feiern. Ein Erfahrungsbericht – von geschlossenen Supermärkten, Fackelzügen und glücklichen Augen.

Als ich 2006 vom beschaulichen Mülheim an der Ruhr nach Köln zog, wusste ich ungefähr auf was ich mich einlasse: Jecken, Kamelle, frenetische Aufstiegsfeiern beim Effzeh und Paraden beim Christopher Street Day. Dazu der andere ganz normale Wahnsinn, den das Leben in einer Großstadt so mit sich bringt. Vor gut zwei Wochen bin ich mit meiner Partnerin nach Neuss gezogen, in direkte Umgebung des Quirinius-Münster. Im August. Dass diese Entscheidung (also nicht die für Neuss, sondern im August) noch so ihre Tücken haben würde, habe ich relativ schnell festgestellt. Und zwar als ich versuchte, eine Genehmigung für meinen Umzug zu bekommen.

„Wann wollen se denn umziehen? Ich hoffe nicht Ende August. Das können se vergessen. Da sind die Schützen los.“ Gut, eigentlich wollte ich ursprünglich tatsächlich Ende August umziehen. Doch weil kein Plan Kontakt mit dem Feind überlebt, kam dann alles anders und ich zog in der zweiten Augustwoche nach Neuss.

Mein Willkommenskomitee? Direkt vor meinem Fenstern spielten „De Räuber“. Köln wird man wohl wirklich niemals so ganz los. Und dann die Schützen. Ja, irgendwo hatte ich mal gehört, dass es in Neuss ein Schützenfest gibt. Und dass das hier so „voll das Ding“ ist. Welche Ausmaße das aber tatsächlich annimmt – ich gebe es ehrlich zu – war mir vollkommen unklar.

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Montagnachmittag noch eben Lebensmittel einkaufen? Ist nicht – der Supermarkt hat seit 14 Uhr geschlossen. Mal eben über die Straße gehen? Pustekuchen, da kommt die Parade. Überall gutgelaunte Grüppchen in Uniformen, die sich zuprosten, ihre Instrumente polieren oder einfach so zusammenstehen und sich unterhalten. Die letzten Corona-Jahre scheinen vergessen zu sein.

Parade in Neuss: Mit einem Schützenzug über den Markt

Stattdessen ist die ganze Stadt in ein Meer aus rot-weißen Fähnchen gekleidet. Inklusive der Busse, die vorne stolz mit ihren Fähnchen durch die Straßen fahren. Und Straßensperren! Bewegung hat ja noch niemandem geschadet. Und eigentlich ist es auch mal ganz schön eine Innenstadt quasi autofrei zu erleben. Dazu gibt es dieser Tage ein munteres „Ufftata“. Start oft morgens um 7 Uhr.

Mein Kater ist übrigens großer Fan von „Guten Morgen, Sonnenschein“. Da ist er nicht mehr zu bremsen und sprintet auf die Fensterbank, um rauszugucken.

Ein Logenplatz mit Blick auf die Schützen – das hätte ich mir vor meinem Umzug nicht vorstellen können.
Ein Logenplatz mit Blick auf die Schützen – das hätte ich mir vor meinem Umzug nicht vorstellen können. Foto: Katharina Gilles

Von meinem Fenster aus habe ich sogar einen Logenplatz und kann dem munteren Treiben zusehen. Und für jemanden wie mich, der mit diesem Brauchtum so gar nichts am Hut hat, mutet das manchmal doch etwas bizarr an, wenn der Fackelzug mit den Uniformierten abends durch die Gassen vagabundiert.

Selbst wenn ich die Fenster geschlossen halte, ist das Schützenfest fast immer präsent. Je nach Entfernung ist nur ein dumpfes Grollen zu hören – das klingt aber manchmal ein bisschen nach der Lieblingsplatte von Opa Hoppenstedt. Oder wer erinnert sich noch an den ersten Jurassic Park Film, wenn sich der T-Rex nähert? Erst nur durch dumpfe Vibrationen in Pfützen und Wassergläsern, bis er sich in vollster Pracht zeigt. Und auch wenn es jetzt so klingen mag, dass ich mit diesem ganzen Brauchtum nicht viel anfangen kann: Ich erkenne durchaus die Vorzüge – und habe mich bereits mit unters Volk gemischt.

Dort, wo ich sonst immer mein Auto parke, ist momentan buntes Kirmestreiben. Wer sich einen Weg durch die Fressmeile gekämpft hat (die Champignons sind zwar klein portioniert, teuer, aber durchaus sehr lecker), findet die Fahrgeschäfte seiner Kindheit wieder. Und eine Runde Autoscooter oder in der Raupe (jetzt „Schlager-Express“) sind immer herrlich. Für die „krassen“ Fahrgeschäfte fehlt mir aber der Mut. Vielleicht wenn ich die Neusser Kirmes ein paar Jahre mitgemacht habe, dann traue ich mich mal. Und ich habe auch bereits gelernt, dass man sich hier „eine schöne Kirmes“ wünscht. Kannte ich so noch nicht.

Zudem findet man schnell Anschluss. Gut, mit genug Bier wird jeder redselig – sogar ich. Dass ist auch etwas, was die Schützen ausmacht – die Gemeinschaft. Ich sehe die pure Freude in den Augen der Schützen, dass nach zwei Jahren der Entbehrung wieder Feste gefeiert werden können und das durchaus etwas ist, was die Stadtgesellschaft braucht. Und ich muss sagen: Die Schützen lassen es ordentlich krachen. Da wird morgens um 8 Uhr schon mal der Flachmann rumgereicht. Für nächstes Jahr heißt es für mich entweder Flucht – oder „all in“. Und ich glaube, es wird eher letzteres sein. Denn irgendwie ist dieser Ausnahmezustand doch ganz schön.

Mehr zum Bürgerschützenfest 2022 in Neuss lesen Sie hier.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Königsparade beim Neusser Bürgerschützenfest 2022