Schützenfest Neuss 2019: Vom Musikbeauftragten zum "normalen" Schützen

Schützenfest in Neuss : Vom Musikbeauftragten zum „normalen“ Schützen

Ralf Berger ist der Rückkehrer. 15 Jahre lang war er der Musikbeauftragte im Komitee des Neusser-Bürger-Schützen-Vereins - nun ist er wieder in der Reihe der „normalen“ Schützen. Allzu schwer fiel ihm das nicht.

Die Uniform passt noch immer tadellos. Das ist keineswegs selbstverständlich nach 15 Jahren, in denen er Mitglied im Komitee des Neusser Bürger-Schützen-Vereins war. In dieser Zeit galt eine andere Kleiderordnung: Frack und Zylinder hat Ralf Berger (60) im vergangenen Jahr endgültig weggehängt und sich als Aktiver bei seinem Zug, dem Hubertus-Hauptmannszug „Luschhönches“, zurückgemeldet – nicht als Chargierter, sondern als normaler Marschierer mit Holzgewehr in der zweiten Reihe. Wie war die Rückkehr nach anderthalb Jahrzehnten? „Als wäre ich nie weg gewesen“, antwortet Ralf Berger ohne Zögern. Fast scheint es, als habe er es geradezu genossen, „die Straße zu Fuß auszumessen“, statt den Zugweg bequem in der Kutsche zurückzulegen.

Es ist Zeit – für die Parade, der Ralf Berger über viele Jahre im Frack und Zylinder beiwohnte. Foto: Endermann, Andreas (end)

Geholfen hat dabei sicherlich, dass Berger sein Engagement im Komitee immer als Aufgabe auf Zeit betrachtete. Den Kontakt zu seinem Zug hat er nie aufgegeben und etwa selbstverständlich an den monatlichen Versammlungen und anderen Aktivitäten teilgenommen. Ein vollwertiges Zugmitglied eben – lediglich freigestellt für seine Verpflichtungen als Komitee-Mitglied. Immerhin verbindet die „Luschhönches“ eine lange Freundschaft. Die Schützen, die sich 1979 in der KjG (Katholische junge Gemeinde) der Pfarre Heilige Dreikönige zusammentaten, feiern in diesem Jahr das 40-jährige Bestehen ihres Zuges.

„Quatsch“ seien darum auch die Fragen, ob er sich nun wieder „frei“ fühle, nachdem er die Verantwortung im Komitee in andere Hände legen konnte. „Ich war ja schließlich nicht inhaftiert“, sagt er lachend. Und Kirmes feiern könne man auch als Komitee-Mitglied. Alles habe eben seine Zeit. Aktuelle Entwicklungen im Komitee oder Diskussionen über den Ablauf des Festprogramms kommentiert er darum auch bewusst nicht. „Raus ist raus!“, lautet seine Devise.

Dass sein Engagement im Komitee zu Ende geht, hatte Ralf Berger geplant und bereits drei Jahre im Voraus angekündigt. So war Zeit genug, einen Nachfolger für seine Aufgabe als „Musikbeauftragter“ zu finden. Dieser Position hat Berger in 15 Jahren sicherlich seinen Stempel aufgedrückt. Dass der selbstständige Industrie-Versicherungsmakler auch über musikalisches Fachwissen verfügt, selbst Trompete und Flügelhorn spielt, machte ihn für die Musiker zum Gesprächspartner auf Augenhöhe. „Man wird schon anders wahrgenommen“, sagt Berger, der  nun wieder regelmäßig klassische Musik in einem Blas-Ensemble spielt.

So sieht Ralf Berger als normaler Schütze aus – in Uniform der Hubertusschützen, mit denen er wieder über den Markt läuft. Foto: Andreas Woitschützke

Bevor er 2002 ins Komitee gewählt wurde, war die Verpflichtung der Musikkapellen für die Schützenfest- und Ehrentage Sache des Oberschützenmeisters. Doch mit dem stetig wachsenden Regiment, das immer mehr Klangkörper erforderte, und gleichzeitig größer werdenden Schwierigkeiten, ausreichend Musikgruppen für ein Engagement zu gewinnen, schien es sinnvoll, diese Aufgaben voneinander zu trennen. Berger schien dafür der geeignete Mann, hatte er sich doch schon zuvor im Vorstand der St.-Hubertus-Schützen-Gesellschaft um das Thema Musik gekümmert. „Ich fand das ein dankbares Aufgabenfeld“, sagt Berger, „die Funktion als Schatzmeister beispielsweise wäre eher nichts für mich gewesen.“

Hat Berger 2018, im Jahr I nach seiner Rückkehr ins Schützenglied, bei schützenfestlichen Höhepunkten wie der Sonntagsparade vielleicht besonders kritisch hingehört? Aber nein, winkt er ab. Mit Ratschlägen an seinen Nachfolger hat sich Ralf Berger zudem von Anfang an bewusst zurückgehalten. „Ich habe Achim Robertz 2017 versichert, dass ich mich nicht einmischen werde.“ Und: „Auch Rat-schläge sind Schläge“, sagt er.

Die Marschmusik gibt nicht nur den Takt für den gleichmäßigen Schritt der Marschierer vor, wobei ein Klangkörper auf etwa 210-270 Schützen kommt. Kapellen, Tambour- und Fanfarenkorps liefern quasi den Soundtrack zum Schützenfest, die mit Fahnen geschmückte Innenstadt die Kulisse. Die aktuell 1820 Musiker spielen gewöhnlich nicht für Gotteslohn, sondern werden per Umlage von allen Schützen bezahlt. „Für die Schützenfesttage verpflichtet das Komitee die Musik für die Grenadiere und Jäger, die übrigen Korps kümmern sich in Absprache selbst darum“, erklärt Ralf Berger, „aus der Kasse des Bürgerschützenvereins gibt es jedoch einen Musikkostenzuschuss an die Korps, dessen Höhe von verschiedenen Kriterien abhängt.“ Nämlich neben der Anzahl der Korpsmitglieder und der Großfackeln (um einen Anreiz für den Fackelbau zu schaffen) auch davon, ob die Züge des Korps durch die Kosten für Blumenhörner ohnehin schon stärker finanziell belastet sind.

Für Ralf Berger gingen seine Aufgaben als Musikbeauftragter immer weit über das rein Organisatorische und Kaufmännische hinaus: Die Abstimmung der Aufzugs- und Parademärsche für den Sonntag etwa war ihm wichtig. Da sollte es nach Möglichkeit keine Dubletten geben und die Stücke mussten einem musikalischen Anspruch genügen, denn immerhin wird die Parade vom Fernsehen in alle Welt übertragen. Einige Traditionsmärsche seien gesetzt, wie der „Pepita-Marsch“ an der Spitze des Jägerkorps.  „Normalerweise habe ich eine Vorschlagsliste mit 40 bis 50 Stücken verschickt, auf der die Musikgruppen dann ankreuzen konnten, welche sie im Repertoire haben“, erzählt Ralf Berger, der sämtliche Märsche inklusive der kniffligsten Stellen kennt. „Ich wollte mir nicht sagen lassen, etwas wäre zu schwer“, erklärt er.

Bei der Suche nach neuen Klangkörpern unterstützten Ralf Berger seine drei Ablauf-Offiziere, besonders Stefan Driesen. Stimmten Mannstärke, musikalisches Niveau und die Uniform – Landsknecht-Uniformen etwa wird man beim Neusser Schützenfest vergeblich suchen –, mussten die Gruppen noch das „Qualifying“ in Form der Ehrenabende meistern.

Gibt es etwas in 15 Jahren als Musikbeauftragter, auf das Berger vielleicht ein wenig stolz zurückblickt? „Ich freue mich, dass wir das Platzkonzert am Sonntagabend wieder aufwerten konnten“, sagt er. Der Programmpunkt sei inzwischen so beliebt, dass viele Zuhörer schon eine Stunde vor Beginn vor Ort seien, um einen günstigen Platz zu finden. „Da haben wir mit dem Bundesfanfarenkorps Neuss-Furth den richtigen Partner gefunden, der daraus einen regelrechten Showabend gemacht hat.“

Mehr von RP ONLINE