Schützenfest in Neuss: Ein Praktikum auf der Kirmes

Kirmes-Praktikum in Neuss : Alles für Genießer

Zuckersüßes Vergnügen: In einem Blitzpraktikum auf der Neusser Kirmes durfte NGZ-Autorin Vera Straub-Roeben sich an der Herstellung von Zuckerwatte, Popcorn und gebrannten Mandeln ausprobieren – und fand Geschmack daran.

Die einen gehen auf die Kirmes, um Achterbahn oder Riesenrad zu fahren. Andere wiederum brauchen ihren Backfisch oder den halben Meter Bratwurst im XXL-Brötchen. Und immer wieder sieht man auf der Kirmes große und kleine Besucher an einem riesigen Teil schlecken, das ihnen das Gesicht verdeckt: Zuckerwatte. Zuckerwatte mag zwar nichts anderes als Zucker sein, doch geschmacklich gibt es himmelweite Unterschiede. Dieter Wallfaß bietet die Leckerei an seinem Süßwarenstand an. Der 66-Jährige Mönchengladbacher ist auf der Neusser Kirmes eine Institution. „Ich bin seit locker 43 Jahren auf der Kirmes und verkaufe neben Zuckerwatte auch Popcorn, gebrannte Mandeln, Schokofrüchte und kandierte Äpfel“, sagt er. Was er anbietet, ist frisch: Das Popcorn und auch die Mandeln landen warm von der Maschine direkt in der Tüte.

Ich tausche heute meinen Notizblock samt Kugelschreiber gegen Mandelmaschine und Zuckerwattestäbchen, denn ich absolviere ein Kurz-Praktikum bei Dieter Wallfaß. Wir kannten uns vorher noch nicht, auch wenn er mit seinem Wagen regelmäßig vor dem Kaufhof in der Neusser Innenstadt steht und seine süßen Sünden an den Mann oder an die Frau bringt. Ich merke schnell: Er ist ein netter Chef mit viel Geduld. Denn zunächst bekomme ich von dem Süßigkeiten-Spezialisten erst einmal eine Einweisung.

Wie das mit dem Popcorn geht, frage ich. „In den getrockneten Maiskörnern ist noch ein kleines Tröpfchen Feuchtigkeit. Gemeinsam mit Zucker und Pflanzenöl gebe ich die Körner in den auf 250 Grad erhitzen Kessel, dann platzen sie“, sagt er und lacht. Gut, so war die Frage zwar nicht gemeint, aber der Mann hat Humor. Mit der großen Plastikkelle wird das Popcorn in durchsichtige längliche Plastiktüten abgefüllt. Wie bei den Mandeln gibt es auch hier drei Größen zu unterschiedlichen Preisen.

Dieter Wallfaß und seine Aushilfen tragen weiße Jacken und blaue Schürzen. „Das ist keine Hygienevorschrift, aber ich finde es einfach schöner“, sagt er. Deswegen darf ich auch „in zivil“ mitarbeiten und bin erstaunt: Läuft die Popcornmaschine einmal, dauert es etwa zwei Minuten, bis die leckeren Körner verzehrfertig sind. Dieter Wallfaß besteht darauf, dass er keine Zusätze verwendet. Und er liebt seinen Job, obwohl er ihn eigentlich gar nicht machen wollte. „Als ich jung war, wollten meine Eltern schon gerne, dass ich das Geschäft übernehme. Aber ich hatte 1000 andere Ideen – wie junge Leute halt so sind.“

Schließlich habe er vier Wochen Ferien gemacht und seinen Eltern danach eröffnet, dass er an Bord sei. Da war er 20 Jahre alt. „Ich esse selber gerne Süßes, deswegen weiß ich auch, wie es schmecken muss“, sagt er. Und die Stammkundschaft gibt ihm Recht. Viele begleiten ihn schon seit Jahrzehnten und Generationen. Er sieht neu geborene Kinder, schenkt ihnen, wenn sie alt genug sind, ihre erste kleine Zuckerwatte. Und er nimmt Anteil, wenn ein Familienmitglied gestorben ist. „Ich versuche aber, es nicht allzu nah an mich heranzulassen.“ Für jeden hat er ein freundliches Wort oder einen flotten Spruch übrig – das gibt es gratis zu den Leckereien dazu.

Apropos Zuckerwatte: Es dauert nicht lange, und ich habe den richtigen Dreh raus. Zuerst muss die Maschine mit Zucker befüllt und gestartet werden. Wenig später spinnen sich die ersten süßen Fäden am Rand entlang. Dann tauche ich das Stäbchen tief in den Kessel – immer darauf bedacht, meine Finger nicht in den Spinnkopf zu halten.

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