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Neusser Schützenfest 2021: Interview mit Martin Flecken über Zukunft

Präsident Martin Flecken : „Schützen gestalten die Zukunft zuversichtlich“

Der Neusser Schützenpräsident Martin Flecken erzählt im Interview, wie er Heimat definiert. Er spricht auch über digitale Zugversammlungen und gibt eine Einschätzung, ob das große Schützenfest zu 100 Prozent einmal zurückkommen wird.

Herr Präsident, wie definiert Martin Flecken für sich Heimat?

Martin Flecken Eine schlichte Frage, deren Antwort zu einem Referat verführt. Ich versuch’s in der gebotenen Kürze: Heimat ist zunächst einmal dort, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Heimat ist zudem dort, wo ich mit meiner Familie lebe, wo ich verwurzelt bin und wo ich meine Freunde habe. Mit allen Sinnen erfasse ich diese Heimat, die nach Sauerkrautfabrik und Ölmühle duftet, die nach Altbier und Novesia-Goldnuss schmeckt, die ich höre, wenn die Glocken von St. Quirin gebeiert werden, und die ich sehe, wenn ich im Urlaub in fernen Landen ein Auto mit NE-Kennzeichen entdecke. 

Also hat Herbert Grönemeyer Recht, wenn er singt „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“?

Flecken Heimat ist auf jeden Fall mehr als nur ein Aufenthaltsort. Heimat hat ganz viel mit sozialen Beziehungen zu tun. Richtig ist aber auch: Heimat ist subjektiv, und einjeder von uns definiert Heimat anders. Gäbe es objektive Kriterien, die Heimat final ausmachen, dann könnte mein Gegenüber mir sagen, was für mich Heimat zu sein hat. Das würde zu weit führen. Ich entscheide, was und wer mir wo Heimat ist.

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Was halten Sie von der Aussage: Meine Heimat ist dort, wo ich schwach sein darf?

Flecken Mmmmh, ja. Diese These beruht ja letztlich auf den sozialen Beziehungen, die mich in der Heimat tragen. Der Gedanke gefällt mir: In der Heimat kann und muss ich mich nicht verstellen, in der Heimat bin ich der, der ich wirklich bin – nur so funktioniert Gemeinschaft und darum ist ein Schützenzug Heimat. Mein Zug „Nur so“ feiert jetzt 50-jähriges Bestehen. Zwölf der 14 Gründer sind noch dabei; zwei sind leider verstorben. Diese Gemeinschaft ist für uns Heimat pur, und dort darf jeder auch schwach sein. Besser formuliert: Die Schwächen des Einzelnen sind allen bekannt.

Königsparade und Aufmärsche zum Schützenfest kann der Zuschauer sehr wohl auch als Schaulaufen der Eitelkeiten verstehen. Wo bleibt denn da das „Wir sind eine verschworene Gemeinschaft“?

Flecken Beim „großen Spiel der Männer“, das ich aber auch als Spiel ihrer Frauen und Familien sehe, treten unter anderem König und Präsident, Oberst und Majore, Komiteemitglieder und Zugführer auf. Die Darsteller dieser Hauptrollen wechseln – bei „Nur so“ gibt’s jedes Jahr neue Chargierte –, und wenn sich dann die Zuggemeinschaft auf der Wiese oder übers Jahr zum Stammtisch trifft, dann ist der Präsident einfach nur der Mätes und ist einer von vielen im Freundeskreis. Alle, ob sie nun marschieren oder nur zuschauen, sie alle dürfen Freude an den schmucken Uniformen haben, aber wenn wir Frack und Jacke ausziehen und uns damit der Rang-
abzeichen entledigen, dann sind wir alle nur noch Neusser Schützen.

Dass Sie als Präsident das Wir-Gefühl und die Gemeinschaft der Schützen betonen, ist nachvollziehbar und verständlich. Aber letztlich fiebern doch alle dem Schützenfest entgegen und wenn das – wie jetzt von Pandemie und Lockdown diktiert – abgesagt werden muss, fehlt das gemeinsame Ziel.

Flecken Dem widerspreche ich ganz energisch. Ja, es mag Schützen geben, die wollen das Event, die wollen nur feiern. Das ist aber die Minderheit. Die große Mehrheit will zwar auch feiern, sie versteht das Schützenfest aber vor allem als unbeschwertes Fest der Solidarität, das aktive Marschierer gemeinsam mit all denen feiern, die Neuss und die Neusser vor Schaden schützen und die Lebensqualität bewahren wollen. Schützen, das sagt schon der Name, schauen immer schützend auf die Gemeinschaft. Im Mittelalter verteidigten sie mit der Waffe in der Hand die Stadt auf der Mauer gegen Angreifer. Heute sammeln wir Geld für die Flutopfer und ziehen in den Kampf gegen das Covid-19-Virus. Unser Leitwort ist so aktuell wie nie: Wir.Schützen.Neuss.

Sie sehen also im Schützenfest lediglich die Spitze eines Eisberges, während das Schützenwesen ein tragendes Netz der Gesellschaft ist?

Flecken Genauso ist es. Mein Vorgänger Thomas Nickel sprach gern und oft vom Schützenwesen als Kitt der Gesellschaft. Komitee, Korpsführer und ich legen großen Wert auf diese Akzentuierung, wir wollen diese Solidarität leben. So ersetze ich gern den Schriftzug „Neusser Schützenfest“ auf Merchandising-Objekten durch „Neusser Bürger-Schützen-Verein“. Die Botschaft: Wir sind kein Event, wir sind eine Bewegung! In guten Zeiten sind viele da, die gemeinsam mit uns feiern wollen. Wir wollen aber auch in schweren Zeiten, wie zum Beispiel während dieser Pandemie, Schützen sein – und wir sind es.

Woran machen Sie diese Solidarität fest, wenn nahezu alle großen Schützenveranstaltungen abgesagt sind?

Flecken Schützen verbreiten Freude, und wenn das große vaterstädtische Fest nicht möglich ist, dann sind es die kleinen Aktionen. Ich kenne viele Züge, viele Musikkapellen und Tambourkorps, die in dieser – normalerweise – schützenfestlichen Zeit Freude in Altenheime tragen, die den Menschen, denen es nicht gut geht, die alt, krank oder einsam sind, unbeschwerte Begegnungen schenken. Ich freue mich, dass diese Solidarität auch nicht in den Sozialen Medien aufgekündigt wird. Ich spüre einen großen Zusammenhalt unter den Schützen, die aber auch im Wechselspiel mit der gesamten Bürgerschaft die Gesellschaft durchdringt und trägt.

Wo spüren Sie diese Solidarität, wenn es weder Oberst- noch Königsehrenabend gibt? Der Lockdown erstickt doch jedes Zugleben?

Flecken Wenn Versammlungen und Festabende abgesagt werden müssen, wird natürlich auch ein Stück Gemeinsamkeit abgesagt. Aber damit ist doch nicht zwingend ein Rückzug des Einzelnen ins Private verbunden. Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen haben auch bei den Schützen digitale Treffen Einzug gehalten – und es funktioniert. Mehr noch: Wir machen neue Erfahrungen. Zugmitglieder, die auswärts wohnen oder arbeiten, die erkrankt sind, wären nicht zum Stammtisch im Zuglokal erschienen, schalten sich nun aber digital dazu. Und ich erfahre plötzlich Dinge, die ich am Stammtisch verpasst hätte. Im Netz spricht immer nur einer, und alle hören zu, während ich am Stammtisch nur mit meinen Nachbarn, mit meinem Gegenüber spreche.

Was heißt das im Ergebnis?

Flecken Es geht nichts über die persönliche Begegnung mit Handschlag und Gespräch auf Augenhöhe. Aber wenn Präsenztreffen nicht möglich sind, gibt es Alternativen, die nicht nur den Mangel verwalten, sondern auch gewisse Vorteile haben. Im Kern entdecken wir doch, dass Gemeinschaft und Solidarität nicht nur möglich ist, wenn wir uns in althergebrachter Form treffen.

Ein dezentrales Schützenfest mit Zugtreffen, aber ohne Umzüge, Wiese und Zelt ist besser als gar kein Fest? Ein Novesia-Fun-Park ist besser als gar keine Kirmes?

Flecken Auf jeden Fall. Das Schöne ist, dass sich Schützenaktivitäten und Kirmes kombinieren lassen. Ich kenne Züge, die buchen sich im Fun-Park ein, reservieren sich für eine Stunde eine Schießbude und schießen ihren Zugkönig aus. Das macht Freude, das stärkt die Zuggemeinschaft und lebt Solidarität mit den Schaustellern. Wer Schützen will, der muss lebensbejahend die Herausforderungen der Gegenwart annehmen und mit Zuversicht an die Zukunft glauben. Mit Meckerern und Zweiflern lässt sich nichts auf die Beine stellen, auch nicht der Schutz von Stadt und Gesellschaft.

Folgt Ihnen in Ihrem Optimismus das Schützenregiment? Haben sich nicht Züge aufgelöst? Gründen sich unverdrossen neue Züge, ohne dass sie wissen, wann sie endlich marschieren und feiern können?

Flecken Die Schützen bleiben aktiv. Wir sehen ja, Gott sei Dank, dass die Mitgliedsbeiträge fließen. Reduzierungen sind die Ausnahme. Beitrag zu zahlen ist auch eine Form der Solidarität. Ja, es haben sich einige wenige Züge abgemeldet. Die müssen sich aber nicht aufgelöst haben. Vielleicht sollen da nur 50 Euro gespart werden. Neue Züge bilden sich, müssen aber natürlich auf ihre Marktpremiere warten. Einen belastbaren Überblick werden wir erst erhalten, wenn wir wirklich wieder Schützenfest feiern können. Ich bin darauf eingestellt, dass wir dann einige Marschierer weniger haben werden. Das muss aber nicht schlecht sein.

Schließen Sie in Ihren Optimismus die Klangkörper mit ein?

Flecken Wie schon gesagt, kann ich auch Heimat hören. Insofern war es für mich faszinierend, eine Probe des Musikvereins Holzheim zu besuchen. Gemeinsam mit unserem Musikbeauftragten im Komitee, Achim Robertz, habe ich eine Einladung des neuen Kapellmeisters Armin Jakobi angenommen. Aber ich will mich nicht um eine Antwort drücken: Die Kapellen und Tambourkorps sorgen sich schon. Sie haben Proben absetzen müssen, ältere Musiker hören auf, jüngere sind in dieser Zeit schwer zu rekrutieren. Ich hoffe, dass sich alles wieder zum Guten fügt.

Wie viel Schützenfest feiert denn das Komitee in diesem Jahr?

Flecken Wir feiern auf kleiner Flamme, aber mit viel Gefühl. Am Samstag (28.) treffen wir uns um 11 Uhr wieder zur zentralen Totenehrung vor der Alten Kapelle auf dem alten Teil des Friedhofs. Anschließend, um 12.30 Uhr, folgt die Jubilarehrung im Zeughaus. Am Sonntag (29.) zelebriert Pfarrer Korr das Schützenhochamt in St. Quirin, anschließend gehen wir mit Schützenkönig Kurt Koenemann zum Mittagessen ins Restaurant Essenz. Und am Schützenfest-Dienstag (31.) lade ich zum Präsidenten-Frühstück ins Dorint-Hotel. Das war’s dann schon.

Die Jubilarehrung haben Sie neu ins Notfall-Programm aufgenommen. Warum?

Flecken Unsere Jubilare haben das Recht, zeitnah geehrt und dabei einmal besonders in den Mittelpunkt gerückt zu werden. Für die Jahre 2020 und 2021 erwarten wir rund 200 Jubilare im Zeughaus, die wir anschließend auch auf ein Glas Bier auf die Terrasse des Zeughauses einladen. Wenn wir die Jubilarehrung weiterhin aussetzen, müssten 2022 sogar drei Jahrgänge geehrt werden. Das wäre eine Massenabfertigung. Das haben unsere Schützen nicht verdient.

Im Vorjahr haben Sie am Schützenfest-Wochenende Informationen, Musik und Unterhaltung via Streamingdienst angeboten. Warum gibt es in diesem Jahr keine Fortsetzung dieses Programms?

Flecken Wir waren mit dem Angebot sehr zufrieden, haben auch viel Lob gehört. Aber der zeitliche, personelle und finanzielle Aufwand ist sehr hoch – wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir diese Investition für – zum Schluss – doch ein überschaubares Publikum nicht auf Dauer tragen können und wollen.

Wie halten Sie Schützenkönig Kurt Koenemann bei Laune, der noch immer auf seine Parade wartet?

Flecken Kurt Koenemann meistert diese schwierige Situation souverän, mit Freude und Respekt für das Amt. König ist man in Neuss auf Zeit, normalerweise für ein Jahr. Darauf ist jeder Bewerber eingestellt. Nun sind Kurt Koenemann und seine Frau Beate bereits zwei Jahre das Königspaar, und ein drittes wird folgen. Ich danke den beiden, dass sie so herzlich und unaufgeregt, aber immer der Würde des Amtes bewusst, unsere Repräsentanten sind.

Auf der anderen Seite steht Bernd Herten, der so lange als designierter Oberst fungiert wie keiner vor ihm. Das nervt doch, oder?

Flecken Bernd Herten wurde einstimmig von Komitee und Korpsführern vorgeschlagen. Keiner zweifelt, dass er ein sehr guter Regimentschef sein wird und mit gewaltiger Mehrheit gewählt wird. Und diese basisdemokratische Wahl, dieses Gefühl, von seinen Schützen gewollt zu sein, dass will sich Bernd nicht nehmen lassen. Darauf wartet er als designierter Oberst, und ich hoffe, dass seine große Stunde beim Oberstehrenabend 2022, am 6. August in der Stadthalle, schlagen wird.

Stichwort „Hoffnung auf ein Schützenfest in 2022“: Können das Komitee und seine Mitstreiter nach zweijähriger Pause einfach den Schützenfest-Betrieb wieder hochfahren?

Flecken Gute Frage. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Das ist organisatorisch kein Problem, denn wir sind ein eingespieltes Team, in dem jeder routiniert zu tun weiß, was er zu tun hat. Zudem ist richtig, dass wir in diesen Pandemiezeiten mehr Arbeit haben, obwohl das Schützenfest ausfällt. Der Grund: Alles ist neu, alle Veranstaltungen und Abläufe müssen neu gedacht werden.

Aber? Sie sorgen sich, das nach zweijähriger Pause Organisatoren im und außerhalb des Vereins nicht mehr alle Abläufe bewusst haben?

Flecken Das ist weniger meine Sorge. Nach der Loveparade-Katastrophe 2010 kamen die Sicherheitskonzepte, was kommt nach der Corona-Pandemie? Ich denke Hygienekonzepte. Ich möchte mir nicht vorstellen, dass wir mit Masken marschieren müssen, aber dass es Auflagen geben wird, halte ich für wahrscheinlich. Wir müssen dann sehen, wie die in der Praxis umgesetzt werden können. Aber das alles wird Zeit, Kraft und Geld kosten. Das werden wir aber gern leisten, denn wir wollen wieder Schützenfest feiern.

Kommt das Neusser Schützenfest, so wie wir es kennen und lieben, zu 100 Prozent einmal zurück?

Flecken Das Neusser Schützenfest hat die Spanische Grippe 1918 bis 1920, Kriege und Wirtschaftskrisen überstanden und wird auch die Corona-Pandemie überstehen. Ich möchte endlich wieder auf der Wiese unterwegs sein – von Zug zu Zug, von Familie zu Familie, von Hinz zu Kunz, mit meiner Frau, mit unseren vier Kindern. Und das wünsche ich allen! Allein für diese kleinen Begegnungen lohnen die großen Anstrengungen, das große Schützenfest zu feiern.