Neusser Schützenfest 2018: Georg Martin - ein Querdenker auf dem Königsthron

Neusser Schützenkönig Georg Martin: Ein Querdenker auf dem Königsthron

Schützenkönig Georg Martin hat in seinem schönen Regierungsjahr mehr als einmal Brauch und Gepflogenheit hinterfragt.

Einige der „Herren“ trugen beim Festumzug Schnuller und Buttons an der Uniform. Denkt Georg Martin (60) an sein Jahr als Schützenkönig zurück, dann hat er auch dieses Bild vor Augen. Gesehen und in den Erinnerungssynapsen unter „positiv“ eingefroren hat er es beim Sommerfest der Kita Weberstraße 88, das unter dem Motto „Schützenfest“ stand – mit Fahne, Umzug und sogar einem kleinen Kirmesplatz. „Herrlich war das“, sagt der König, von anrührend spricht Angelika Kunz (55), seine Königin. Und für beide war dieser Besuch einer der schönsten Termine in ihrem Königsjahr – und eine echte Überraschung.

Dabei hatte das Jahr schon überraschend begonnen. Als letzter von vier Bewerbern hatte der Feldwebel des Schützenlustzuges „Die Oberjä(h)rigen“ seine Königsbewerbung abgegeben, angetrieben von seinem Zugkameraden Paul Neuhäuser. Der setzte ihm am Kirmessonntag 2017 die Pistole auf die Brust. Wenn „Fackel-Georg“, wie Martins Spitzname nicht nur im Zug ist, sich nicht selbst erkläre, würde er, Neuhäuser, zum zweiten Mal nach 2009 schießen. Martin erklärte sich tags drauf – und saß kaum 24 Stunden später „auf dem Hocker“. Von dort feuerte er den zehnten, den entscheidenden Schuss auf den Königsvogel ab und war zu seiner eigenen Überraschung König. „Das war ein Ding“, sagt er rückschauend.

Dass er am gleichen Abend seinen unterlegenen Mitbewerbern Bernd Herten, Jochem Kirschbaum und Thomas Gondorf den Königspokal „zum Trunke“ reichte, war eine erste kleine Grenzüberschreitung, die sich Georg Martin erlaubte. Weitere (kalkulierte) Verstöße folgten, mit denen Georg I. unterstrich: Brauch und Gepflogenheit wird man doch wohl mal hinterfragen dürfen. Und so tauchte er eben (als einziger!) im blauen Hemd zum dunkelblauen Anzug beim Majorsehrenabend der Grenadiere auf – um diese zu ehren. „Blau ist die Farbe des Waffenrocks der Chargierten“, hielt er Komiteemitgliedern vor, die ihn dafür rüffeln wollten. „Das Hemd sorgte für Gesprächsstoff“, sagt Martin, der sich mit solche Aktionen das zweifelhafte Lob zuzog, ein „Mann mit Ecken und Kanten zu sein“, wie ihn Präsident Martin Flecken beim Königsehrenabend nannte.

Ecken und Kanten hat er sicherlich, verrückt aber ist Martin Georg nicht. Denn natürlich gab es einen Orden, und auch in mehr Exemplaren als den 150 Stück, von denen er zu Beginn seiner Regentschaft gesprochen hatte. 1111 wurden es am Ende. Weniger als seine Vorgänger, aber genug, um nicht Haus und Hof verkaufen und Neuss mit Schimpf und Schande verlassen zu müssen, wie er selbst sagt. Dass er auch von einem Orden als „Bastelset für die, die keinen bekommen haben“, gesprochen hatte, kam allerdings nicht gut an. Das weiß Martin auch. Aber, sagt er achselzuckend, „meinen Humor versteht nicht jeder“.

Als Ausdruck einer sperrigen Art wurde auch empfunden, dass er für das offizielle Programmheft kein Bild von seinem Orden zur Verfügung stellte. Er habe sichergehen wollen, dass – anders als im Vorjahr – nicht vor seinem Ehrenabend Details zu seinem Orden an die Öffentlichkeit dringen, sagt er zur Begründung. Die beauftragte Agentur habe nichts von einer Vereinbarung wissen wollen, die im Falle einer Pannen-Wiederholung eine Vertragsstrafe zugunsten des Fackelbaus nach sich gezogen hätte. Also hielt er den Orden unter Verschluss.

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Seine Art mag speziell sein, Anhänger findet sie doch. „Das ist das Reizvolle an unserem Fest, dass es immer mit neuen Nuancen überrascht“, sagt Christoph Napp-Saarbourg, Martins Vorgänger im Amt. Und auch Ex-Majestät Rainer Halm freut sich, dass es mit Martin mal ein „Querdenker und Kritiker“ auf den Königsthron geschafft hat. „Es ist gut, wenn uns mal einer den Spiegel vorhält.“

Das Königsjahr war dennoch schön, auch für die Königin, die erst 2017 von Krefeld nach Neuss gezogen war und zuvor nur drei Schützenfeste aus der Perspektive des Zuges erlebt hatte. Termine hätten sie nicht gezählt: „Wenn man das anfängt, sieht es aus, als ob es lästig wäre“, sagt sie. Denn das Gegenteil war der Fall. Und dass – einen einzigen Tag ausgenommen – nur ein Termin pro Abend angenommen wurde, hatte auch gute Gründe. Jeder Gastgeber sollte die Schützenmajestäten ganz haben und sie nicht auf der „Durchreise“ erleben. So lernte vor allem die Königin, die anfangs nur die Namen der Zugkameraden ihres Mannes kannte, viel über Neuss und die Neusser. „Das war so schön“, sagt sie.

Schön war das Jahr, aber nicht frei von Nackenschlägen für den König. Sein Vorstoß, gemeinsam mit den Further Schützen in einer Bürgeraktion die Bahnunterführung an der Further Straße zu säubern, blieb stecken im Sumpf der Zuständigkeiten. Und auch seine Idee, mit einer Spende als Königsgeschenk die Erweiterung der Fackelbauhalle am Containerbahnhof zu beschleunigen, drang nicht durch. Er habe ein Thema befeuern wollen, so „Fackel-Georg“ über sein Lieblingsprojekt.

Als Majestät kam er damit nicht weiter, doch bleibt das Thema aufgerufen. Denn als erster Schützenkönig überhaupt hat Georg Martin eine klare Agenda für sich als Ex-König. Die Unterstützung der Fackelbauer steht ganz oben. Ob er als „Ex“ nach seinem Fest, bei dem er sich besonders auf den Fackelzug freut („Den habe ich noch nie ganz gesehen“), in seinem Heimatzug, den er vor 40 Jahren mit begründetet hat, als Feldwebel weitermachen kann, bleibt abzuwarten. Formal wurde er in seinem Königsjahr abgewählt und Paul Neuhäuser sein Nachfolger. Ob er wiedergewählt wird? Eher nicht, meint er, denn: „Ich habe als Spieß zu viele unpopuläre Entscheidungen getroffen“.

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