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Neuss: Mit dem Bollerwagen auf Verkaufstour

Unterstützung in Neuss : Schülerinnen gehen mit dem Bollerwagen auf Verkaufstour

Olivia und Dina verkaufen beim Schützenfest allerlei Selbstgemachtes. Jetzt sind sie für den Schützenverein im Einsatz. Die Freundin Maxi hilft ihnen dabei.

Normalerweise hätten sie sich während der Sommerferien in ihrem Spielzimmer eingeschlossen, um das Schützenfest auf ihre ganz eigene Art und Weise vorzubereiten. Die Geschwister Dina (12) und Olivia (10) basteln jedes Jahr kleine Herzen aus Bügelperlen, Schlüsselanhänger und Armbänder. Währenddessen hören sie ihr Lieblings-Hörbuch. Die kleinen Kunstwerke werden dann in ihrem Bollerwagen unter den Tribünen verkauft.

Und schon der Bollerwagen hat eine ganz besondere Geschichte: Um sich mit dem Nachbarjungen ein Seifenkistenrennen zu liefern, kaufte sich Dina von ihrem Kommuniongeld einen Bollerwagen. Den bauten die handwerklich begabten Mädchen dann zunächst in einen Rennwagen um. Doch dann kam Dina die Idee, selbst gemachte Sachen auf dem Schützenfest zu verkaufen, um ihr Taschengeld aufzubessern. Also wurde die Seifenkiste kurzerhand wieder zu einem Bollerwagen umfunktioniert und zusätzlich liebevoll geschmückt.

So verkaufen die Mädchen seit 2017 allerlei Selbstgemachtes, kühle Getränke und Blumensträuße. Wenn es doch einmal regnen sollte, ist man bei den Kindern genau richtig. Regencapes haben sie nämlich auch im Angebot. Die tierischen Freunde der Feiernden finden bei den jungen Schützenfest-Fans einen Napf voll Wasser. Für den Fall, dass unter der Tribüne mal nichts los sein sollte, haben sich die Kinder Bauchläden gebastelt. Mit denen können sie die Zuschauer des Spektakels direkt am Platz bewirten. „Mittlerweile kennen die Ordner uns, so dass sie uns auch ohne Tickets auf die Tribüne lassen“, berichtet Dina. Meist werden die beiden Marienberg-Schülerinnen  dabei von ihren Cousins unterstützt.

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In diesem Jahr steht Dina und Olivia eine offizielle Rolle zu. Sie verkaufen nicht mehr nur, um ihr Taschengeld aufzubessern, sondern helfen mit, den Neusser Bürger-Schützenverein durch die Corona-Krise zu retten. In ihrem Bollerwagen liegen statt selbst hergestellten Basteleien kleine, quirinusgrünen Armbänder. Der Kauf eines solchen Bandes kommt dem Neusser Bürger-Schützen-Verein zu Gute. Unterstützt werden die beiden Mädchen in diesem Jahr nicht von ihren Cousins, sondern von Klassenkameradin und Freundin Maxi (11). Bei zwei Aktionen sind die drei jungen Neusserinnen schon aktiv geworden: Bei der Enthüllung des großen Quirinus-Mosaiks am Freithof und auf dem Wochenmarkt an der Piuskirche konnten die Mädchen ihr Verkaufstalent unter Beweis stellen. „Am Anfang lief es noch nicht so gut, aber nach einiger Zeit sind viele Leute gekommen und haben ein Band gekauft“, erzählt Dina stolz, die sich mit dem Verkauf aus dem Bollerwagen schon gut auskennt. Vor und nach Schützenfest verkauft sie so selbst angebautes Obst und Gemüse. Um Mitschülern bei der Finanzierung der Klassenfahrt zu helfen, ging auch schon warmer Kakao an kalten Tagen über den Bollerwagen-Tresen.

Am meisten Freude bereitet ihnen aber ihr „Job“ an den Festtagen. Denn den drei waschechten Neusserinnen wurde das Schützen-Gen sozusagen in die Wiege gelegt. Maxi ist sogar am Kirmessonntag zur Welt gekommen. Ihr Vater ist Reiter-Chef, wie es ihr Großvater ebenfalls war. „Ich bin besonders aufgeregt, wenn ich meinen Vater bei der Parade reiten sehe.“, sagt Maxi. Auch Olivia und Dina sind im Neusser Brauchtum tief verankert. 1982 wurde ihr Großvater Rainer Reuß mit dem 21. Schuss Schützenkönig. Ihr Onkel,  Rainer Reuß junior, setzte sich 2013 im Kampf um die Königswürde durch. Vater Markus Jansen war Jakobuskönig und ist nun Komiteemitglied.

Diese Schützen-Verbundenheit gaben die Eltern offensichtlich erfolgreich an ihre beiden Töchter weiter. „Schon als Dina noch ganz klein war, war sie vom Schützenfest begeistert. Vor allem beim Fackelzug haben ihre Augen vor Freude gestrahlt“, erzählt die Mutter der Geschwister, Rebecca Reuß-Jansen. Diese Begeisterung für das abendliche Event teilen die drei Mädchen mittlerweile. Aber auch die Parade ist eines der Highlights für die jungen Neusserinnen geworden. „Beim Fackelzug herrscht einfach eine tolle Atmosphäre, wenn es schon so dunkel ist und überall brennende Fackeln zu sehen sind“, erzählt Maxi entzückt von den Erinnerungen an die letzten Jahre und fügt hinzu: „Bei der Parade ist die Stimmung auch sehr festlich. Das sieht man auch an der Kleidung – alle sind immer extra schick angezogen. Das finde ich schön“.

Die Kirmes darf bei der Aufzählung ihrer Lieblings-Attraktionen natürlich nicht fehlen. 32 Mal seien die Schülerinnen im vergangenen Jahr auf dem Karussell „Krake“ mitgefahren, wie Olivia mit funkelnden Augen berichtet. Aber auch auf dem Riesenrad, das den Namen Jupiter trägt, waren die Kinder viel gesehener Gast.

Die zehnjährige Olivia empfindet auch beim Zapfenstreich ein besonderes Gefühl: „Wenn es immer leiser und leiser wird und es hinterher mucksmäuschenstill ist, das ist ein eindrucksvoller Moment.“ Bei Familie Jansen gibt es aber noch eine weitere Tradition: Immer am Tag vor der Kirmesplatzeröffnung fahren die Schwestern gemeinsam mit ihrem Vater mit dem Lastenfahrrad zum Kirmesplatz. Auf dem Gelände angekommen, schauen sie neugierig unter die Planen und erkunden die neuen und die altbekannten Attraktionen.

Das jährliches Foto im komplett leeren Festzelt darf dabei nicht fehlen. „Als wir kleiner und leichter waren, haben wir uns immer an Papa dran gehangen und er ist dann die große Kletterstange bis nach ganz oben geklettert – heute sind wir zu groß dafür“, berichtet die zwölfjährige Dina grinsend. Die Mädchen haben sich für die Tage, an denen das Schützenfest stattgefunden hätte, noch kein Alternativprogramm ausgedacht. „Es wird ein Tag wie jeder andere, außer dass wir ein wenig traurig sein werden“, sagt Dina – und ihre Schwester stimmt ihr zu.

Obwohl sich die drei Marienberg-Schülerinnen schon jetzt sehr auf das nächste Schützenfest freuen, sind sie sich einig: „Der Verkauf in diesem Jahr hat richtig viel Spaß gemacht.“ Sophie Segbers