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Neuss: Grafiker Rolf Geissle malt mit dem ironischen Blick

Gestalter aus Neuss : Schützenfest animiert Grafiker zu ironischen Bildern

Grafiker Rolf Geissler ist ein Neusser durch und durch. Er lebt und arbeitet in der Stadt. Vor rund zehn Jahren hat er das Schützenwesen als Motivgeber für seine Bilder entdeckt.

Am Schützenfest kommt keiner vorbei. Selbst wenn er dem Ganzen skeptisch gegenübersteht wie Rolf Geissler. Der freie Grafiker hat sein Atelier mitten in der Stadt, an der Büttger Straße, lebt in Neuss, seit er denken kann. „Vom Nebentisch beobachtet man besser“, sagt der Künstler jedoch und zitiert schmunzelnd Trude Herr, die für Köln steht wie kaum ein anderer Mensch, auch fast 20 Jahre nach ihrem Tod: „Wenn man eine Stadt liebt, muss man nicht gleich verrückt werden“. So geht es ihm mit Neuss, so geht es ihm mit dem Schützenfest.

Auch wenn das Schützenwesen ihn immer wieder zu „ironischen Bildern“ animiert, in seiner gestalterischen Arbeit nimmt das Thema nur begrenzten Platz ein. „Um die 25 Zeichnungen“ hat er in den vergangenen Jahren zum Thema Schützenfest gemacht; ganz frisch ist die Radierung mit einem Grenadier, aus dessen Gewehr Blumen wachsen, die eher einem Schlangenkopf ähneln. Am Bein schleppt er an einer Kette – wie früher die Gefangenen eine Kugel – ein Coronavirus hinterher.

Und ob es Prophetie ist oder nicht: Schmunzelnd legt Geissler eine Arbeit von August 2019 vor, die einen Sappeur zeigt, der über und über mit Orden geschmückt ist. Einer von diesen hat eine unglaubliche Ähnlichkeit mit der heute bekannten Form des Coronavirus ...Damals aber kannte es noch keiner.

Eine Zeichnung aus der Serie „Schützenkönigspaare im Wandel der Zeit“. Foto: Helga Bittner

Doch Neuss an sich, oder das Wesen, das um den Stadtpatron Quirinus gemacht wird, bestimmt seine Arbeit thematisch genauso wie das große Weltgeschehen, das den überaus belesenen und intelligenten Mann umtreibt. Nicht umsonst erscheint jedes Jahr von ihm ein neues „Engelchen“, das mit zerrupften Flügeln wie ein Kommentar mit dem Thema umgeht, das die Medien ebenso wie des Künstlers Kopf beschäftigt hat.

Ob es dieses Mal das Coronavirus wird? Die Vermutung liegt nahe, denn kaum eine andere Pandemie hat sich bislang auf alle Bereiche des Lebens so ausgewirkt wie die Angst vor dem Virus und seine Folgen. So hat es dafür gesorgt, dass das Schützenfest ausfällt (nicht aber die alljährliche vorschützenfestliche Ausstellung mit neuen Werken, die Geissler am vergangenen Wochenende präsentiert hat). Was in den Augen von Geissler „dramatisch, aber nicht tödlich ist“.

Und so hat ihn auch das zu einer Zeichnung inspiriert, die den Titel „Als die Schützen Trauer trugen“ hat. Da sitzen Grenadiere, Jäger und Sappeure in einem Boot (das natürlich „pulchra nussia“ heißt), fahren auf unruhiger See und wissen nicht, dass eine Kanonenkugel, die wie das Coronavirus aussieht, ein Leck ins Boot schlagen wird. Viele Entwürfe braucht es jedes Mal, bis am Ende das Motiv steht. Das ist auch bei den Schützenfestthemen nicht anders: „Wie viele Entwürfe ich mache? Keine Ahnung!“ sagt Geissler.

Vor zehn Jahren jedenfalls hat er die ersten Zeichnungen mit Schützenfest-Themen gemacht. „Schützenkönigspaare im Wandel der Zeit“ zum Beispiel heißt eine Serie, für die er insbesondere nach Fotovorlagen in der NGZ immer wieder Paare aufs Papier gebracht hat, die den Betrachter an jemanden erinnern mögen. Ohne dass er sagen, an wen. Das ist auch Rolf Geissler nicht möglich, denn ihm ging es nicht um eine Eins-zu-eins-wiedergabe, sondern mehr „um die Großartigkeit, mit der man sich darstellt“. Witzig und wichtig zugleich findet er das. Immer noch, und nicht nur bei den Königspaaren. Auch der Schützenpräsident wird nicht verschont – wiedererkennen ist nicht zwingend.

Geissler liebt Neuss. Aber der Grafiker leidet eben auch ein bisschen daran. Helga Bittner