Neuss: Ein Besuch auf den Bällen beim Bürger-Schützenfest 2019

Party : So war die Ballnacht am Sonntag in Neuss

Das erste Mal Neusser Schützenfest. Unsere Autorin besucht den Scheiben-, Grenadier- und Schützenlustball.

Sie singen „Kirmes, Kirmes“, stehen im Spalier und recken die Hände in die Höhe. Die Grenadiere heißen Schützenkönig Bruno II. Weyand und das Komitee im Festzelt willkommen. Vorweg: Es ist mein erstes Schützenfest in Neuss. Und zugegebenermaßen bin ich baff und hätte eine solche Festlichkeit eher in Bayern als im Rheinland vermutet. Aber ich soll eines Besseren belehrt werden: In Neuss herrscht Ausnahmezustand. Menschen dekorieren ihre Balkone üppiger als zu Weihnachten oder zur WM. Heere von Männern – jung und alt – ziehen in Uniformen und Begleitung in Richtung Ball. 

Um auch ja nichts zu verpassen, habe ich mir einen ambitionierten Plan gesetzt und werde alle drei – den Grenadier-, den Scheibenschützen- und den Schützenlustball – an diesem Abend besuchen. Los geht es auf dem Ball der Scheibenschützen. Schon vom Weiten hört man Trommeln und Bläser der Jägerkapelle Straberg. An den eingedeckten Tischen im Rheinischen Landestheater haben rund 300 Scheibenschützen Platz genommen. Wer will, kann dinnieren, auf weißen Tischdecken, mit funkelnden Gläsern. Ich finde, es sieht alles sehr nobel aus. Einige Kerzenständer sind kurzerhand umfunktioniert worden: Anstelle von Kerzen tragen sie die Hüte der Schützen. „Wir freuen uns über diesen familiären Charakter unseres Balls“, sagt Major Hans-Peter Zils. Aber ich sei zu früh, kritisiert er. Ich solle um halb elf noch einmal wieder kommen, dann würde hier die Party steigen. Ich schaue auf die Abendkleider und festlichen Tische – so richtig Party kann ich mir noch nicht vorstellen, aber ich werde wiederkommen.

Nächster Stopp: Grenadierball im Festzelt. Von der Decke hängen rot-weiße Stoffbahnen und an langen Banketttischen haben Hunderte Besucher ihren Platz eingenommen. „Wir haben immer diesen Tisch“, erklärt mir Kerstin Vogel vom Jägerzug „Greenhorn“. Sie ist bereits seit 21 Jahren beim Zug mit dabei. Vogel bindet mit zwei weiteren Zugfrauen Strüssjes aus üppigen Blumenfüllhörnern. Diese werden zum Schützenfest täglich neu befüllt, erklärt Vogel mir gerade, als plötzlich alle beginnen zu klatschen und die Hände in den Himmel recken. „Kirmes, Kirmes, du des Neussers Freud und Lust“, singt das gesamte Zelt unisono mit.

„Beeindruckend“, denke ich, während ich auf einem Stuhl stehe und das Spektakel filme. Ich suche nach Vergleichbarem: Oktoberfest, Karneval, Abiball. Wobei Letzteres eher auf den Scheibenball oder die Schützenlust zutrifft. Zum Grenadierball kann man auch leger in Alltagskleidung kommen – oder eben in Uniform. 

Bevor es für mich zum Schützenlustball geht, mache ich noch den versprochenen Abstecher bei den Scheibenschützen. Und tatsächlich ist der Ball nicht wieder zu erkennen: Niemand sitzt mehr an den Tischen, denn die Band „Bajaasch“ ist angekommen. Mit ihren Blasinstrumenten stehen die Musiker in der Menge. Die Kerzen sind herunter gebrannt, ihr Schein trifft nun auf Discolicht. Die Scheibenschützen liegen sich zu Songs wie „Lev Marie“ in den Armen und Frauen in Abendkleidern hüpfen zur Musik auf und ab.

Beim Schützenlustball spielt sich Ähnliches ab: Dort feiert in der Vorhalle die Jugend zu „Walking on sunshine“ und im getäfelten Saal wird zu Standardtanz geschwoft. Martin Flecken, Präsident der Neusser Bürgerschützen, ist mit seiner Frau Gabi auch auf der Tanzfläche. Neben ihm Bruno II. und seine Frau Karin. Der König trägt eine 2,1 Kilogramm schwere Festkette um den Hals, wie er mir verrät – und das bei den Temperaturen, denke ich noch.

Doch wenn Schützenfest ist, dann ist Ausnahmezustand, da werden alle gesammelten Schätze an die Jacke oder auf den Balkon gebracht, da wird gefeiert und gesungen. „Da fliegt man auch nicht in den Urlaub!“, wie mir eine begeisterte Schützendame erklärt. Denn dann ist Kirmes, und die ist des Neussers Freud und Lust!

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die schönsten Bilder vom Ball der Schützenlust 2019

Mehr von RP ONLINE