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Virtuelles Jubiläum: Jägerzug "von Lützow": Name als Ausdruck einer Geisteshaltung

Virtuelles Jubiläum: Jägerzug "von Lützow" : Name als Ausdruck einer Geisteshaltung

Immerhin 24 Jahre lang marschierte Andreas Werhahn als "Höhnes" des Jägerzuges "von Lützow" über den Markt. Das silberne Jubiläum jedoch blieb ihm versagt. Wegen Nachwuchsmangels musste sich der Traditionszug vor einigen Jahren auflösen. Damit ist einer der Vorzeigezüge im Neusser Jägerkorps untergegangen, der in diesen Tagen 75 Jahre alt geworden wäre. Aber nicht nur ein historisch verdienter Schützenzug hat damit sein Ende gefunden.

Auch ein historisch besonders interessanter Zugname ist damit nicht mehr präsent. Der Jägerzug "von Lützow" ist nämlich nach dem preußischen Offizier Adolph von Lützow (1782-1834) benannt, der in den Befreiungskriegen gegen das napoleonische Frankreich das nach ihm benannte Freicorps befehligte. Mit dem Namen Lützows verbinden sich Glanz und Schmach der deutschen Geschichte. Dass die Begründer des Jägerzuges 1927 den damals klingenden Namen wählten, war Ausdruck einer vorherrschenden Geisteshaltung. Die Befreiungskriege (1813-1815) waren für spätere Generationen stets Symbol nationaler Selbstbehauptung der Deutschen gegenüber den Invasoren aus Frankreich. "Die Wacht am Rhein" sollte eine Wiederholung deutscher Schmach verhindern.

Ludwig XIV. und Napoleon hatten das alte deutsche Reich zuerst gedemütigt dann zerschlagen. Das neue Kaiserreich, welches aus "Blut und Eisen" geschmiedet worden war, sollte dieses Schicksal nicht erleiden. Doch bereits 1918 war es wieder untergegangen. Französische Truppen standen wieder am Rhein. Neuss wurde von den Belgiern besetzt. Die Deutschen litten unter der nationalen Demütigung. Erst 1926 zogen sich die fremden Truppen zurück. Auch Neuss war wieder frei. Die Mitglieder eines Stammtisches in der Gaststätte "Pilarz" (später "Reichshof") an der Krefelder Straße waren ebenso von der patriotischen Stimmung gepackt, als sie sich 1927 entschlossen, als Jäger über den Markt zu marschieren.

In der Festschrift zum Goldjubiläum des Zuges, die der ehemalige Zugführer Hans-Josef Mobis zur Verfügung stellte, heißt es hierzu: "Der Name wurde in Anlehnung an den Freiheitshelden in den Befreiungskriegen von 1813 gewählt. 1926 war gerade die Besatzung aus den Rheinlanden abgezogen und der Nationalstolz wurde groß geschrieben. Aus dieser Zeit heraus muss manches anders gesehen werden als heute. Wir heutigen fühlen uns dieser Tradition nicht mehr verpflichtet, aber der schöne und klangvolle Name blieb als Erinnerung an gute alte Zeiten erhalten". Die Zurückhaltung aus dem Jahre 1977 ist zwar verständlich aber nicht unbedingt begründet. Die Lützow'sche Tradition des frühen 19. Jahrhunderts ist nämlich nichts anrüchiges. Die nationale Bewegung dieser Zeit verbindet sich stets auch mit der demokratischen.

Beide sind in der Revolution 1848 gescheitert. Teilweise wird schwarz-rot-gold, die Farben der demokratischen Revolution, auch auf die Uniformen des Lützow-Freicorps' zurück verfolgt. 1813 rief der preußische König Friedrich-Wilhelm III. zur nationalen Erhebung gegen die französischen Besatzer auf. Viele gingen freiwillig zu den Waffen. Die Soldaten des Freicorps von Lützow zahlten Uniform und Unterhalt aus eigner Tasche. Die Begeisterung war groß. Der Freiheitswille trieb Studenten und Bürger an. Einen schalen Beigeschmack bekommt der Name allerdings nach dem Ersten Weltkrieg. Mitglieder von Freicorps ehemaliger Frontsoldaten, die sich auf die Lützow'sche Traditionen beriefen, gehörten nämlich nicht zu den aktiven Förderern der Weimarer Demokratie.

Die Verbindung von nationaler und demokratischer Idee des frühen 19. Jahrhunderts war nicht in die deutsche Tradition eingegangen. Dennoch hielten die Mitglieder des Jägerzuges "von Lützow" an dem Namen fest. 1929 stellte der Zug mit Heinz Tieves den Neusser Schützenkönig. Den Zweiten Weltkrieg überlebten drei Zugkameraden nicht. Aber besonders dank der Frauen riss der Kontakt unter den Kameraden auch in jener schweren Zeit nicht ab. Die 50er Jahren sahen einen neuen Aufschwung von Fest und Zug. Nicht allen Zügen gelang es aber, regen Nachwuchs zu rekrutieren. So musste auch der Jägerzug "von Lützow" seine Aktivitäten einstellen. Damit ging auch ein historisch klangvoller Zugname unter. schmal

(NGZ)