Kostenstreit um Schützenfest in Neuss : Eskalation der „Zog-Zog-Krise“ abgewendet

Stadt wendet über 400.000 Euro für Schützen auf. Die laden doch die Politik zur Bürgerversammlung auf die Bühne.

Die Kanalarbeiten in der Liedmannstraße und der Kanalstraße werden nicht rechtzeitig zum Schützenfest fertig. Nach Gesprächen mit der Stadt verzichtet das Komitee des Neusser Bürger-Schützen-Vereins (NBSV) aber darauf, dass das Tiefbaumanagement einen Baustellenstopp verfügt und die beiden Innenstadtstraßen für die Kirmestage „marschierfertig“ wiederherstellt. Das Geld, so erklärt Schützenpräsident Martin Flecken den Verzicht, könne die Stadt besser anders ausgeben. Doch hinter der Hand ist in Korpsführer-Kreisen von der Sorge der Schützen die Rede, dieser Posten – zweimal rund 30.000 Euro – könnte in der Kostenübersicht auftauchen, die derzeit im Rathaus erarbeitet wird.

Denn die ist nicht ohne. Einen vom Rat zu beschließenden Zuschuss an die Bürgerschützen gibt es zwar schon seit Jahren nicht mehr, doch addierten sich die Leistungen, die von städtischer Seite für das Neusser Schützenfest erbracht werden, im vergangenen Jahr auf 662.200 Euro. Zieht man davon die 222.700 Euro ab, die der Stadt erstattet werden – etwa über Standgelder, eine Beteiligung des NBSV an den Fackelbauhallen oder den gebührenpflichtigen Salut der städtischen Geschütze – bleiben immer noch 439.900 Euro im Saldo der Stadt.

Offenbar fand es Bürgermeister Reiner Breuer daher etwas sehr knickerig von den Schützen, wegen des nicht mehr gezahlten Zuschusses der Stadt die Mitglieder des Hauptausschusses kommende Woche bei der „Zog-, Zog“-Versammlung nicht mehr auf die Bühne der Stadthalle einzuladen. Er selbst erfuhr von dieser Komitee-Entscheidung gestern aus der Zeitung, erkannte, wie er selbst sagt, „das Eskalationspotenzial“ – und lud umgehend den Schützenpräsidenten ins Rathaus ein. Ein Ergebnis dieses morgendlichen Krisengipfels, das in einer gemeinsamen Erklärung fixiert wurde: Jetzt dürfen sie doch. Und im Wortlaut: „Beide einigten sich darauf, die Tradition, die männlichen ordentlichen Mitglieder des Hauptausschusses einzuladen, in diesem Jahr fortzuführen“. Mehr noch: Alle Stadtverordneten werden – was nie infrage stand – von den Schützen zur Parade ins Rathaus eingeladen, in diesem Jahr aber sogar mit Begleitung.

Über das Geld wird trotzdem noch gesprochen werden müssen. Schon im vergangenen Jahr hatte Breuer angekündigt, mit dem Schützenverein vertraglich zu regeln, wer was macht – und auch bezahlt. Angesichts einer Vielzahl von Absprachen, Vereinbarungen und Regelungen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, musste aber erst einmal Ordnung in dieses scheinbar organisch gewachsene Miteinander gebracht werden. Jetzt liege ein Vertragsentwurf vor, sagt Breuer, den er kommende Woche dem Komitee zukommen lassen will. Vor „Zog Zog“. Nach der Kirmes möchte er dann im Herbst das Thema mit der Politik diskutieren und zu eindeutigen Beschlüssen kommen. Dabei werde auch der finanzielle Vorteil abzuwägen sein, den die Stadt durch das Schützenfest genießt.

Zum Thema Baustellen auf Zugwegen hat Breuer aber schon jetzt eine klare Meinung: „Wenn Kanalarbeiten notwendig sind, müssen sie gemacht werden.“ Zur Bewältigung der Situation hätten auch die Schützen einen Beitrag zu leisten. Die sind dazu bereit. Allerdings macht Präsident Flecken klar: Ein Verzicht wie an Kanal- und Liedmannstraße, darf keine Präzedenzwirkung haben.

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