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Der Jülicher Reinhard Winters amtiert als Reitersieger: "Hoppla, das ist hier eine andere Welt"

Der Jülicher Reinhard Winters amtiert als Reitersieger : "Hoppla, das ist hier eine andere Welt"

Von Thilo Zimmermann

Von Thilo Zimmermann

An Reinhard Winters ist ein Öffentlichkeitsarbeiter in Sachen Brauchtum verloren gegangen. "Da sind 6.000 Uniformierte auf den Straßen unterwegs, und 20 Minuten von Neuss entfernt weiß das niemand", sagt der Hotelier aus Jülich, und diese Tatsache ärgert ihn ungemein.

Winters amtiert als Hoher Reitersieger und hat zum Gartenfest seines Korps am Schützenfest-Montag an der Rennbahn gleich eine Abordnung aus der Heimat eingeladen - "damit die mal sehen, was hier alles abgeht". Nach dem achten Durchgang des Ringstechens im vorigen Jahr stand es fest: Reinhard und Susanne Winters bilden das neue Neusser Reitersieger-Paar. Dabei ist dem wackeren Pferdefreund das Schützenwesen nicht gerade in die Wiege gelegt worden. Er erblickte im Februar 1950 in Neu-Hambach bei Jülich das Licht der Welt, in einem Ort, der längst dem Braunkohle-Bagger zum Opfer gefallen ist. Winters besuchte das humanistische Gymnasium und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung im Hotel "Breidenbacher Hof" in Düsseldorf. Danach lockte erst einmal die große, weite Welt: Jeweils ein Jahr als Direktionsassistent verbrachte der gut gelaunte Rheinländer in Paris und Rom.

An der Hotelfachschule im schönen Heidelberg legte er schließlich erfolgreich die Prüfungen zum Betriebswirt ab und schloss ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule in Heilbronn an. Mehr als vier Semester wurden es aber nicht, vom erkrankten Vater musste er die Leitung des elterlichen Hotels "Waldhof" in Neu-Hambach übernehmen. "Dann kam der Bagger", seufzt Winters. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich woanders umzusehen auf der Suche nach einer beruflichen Zukunft. Doch wozu in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah? Der Hotelier kaufte vor nunmehr 25 Jahren den Jülicher "Kaiserhof", übernahm zuerst auch den Pächter, betreibt das Haus mit seiner Ehefrau aber inzwischen im 20. Jahr selbst. "Stil und Atmosphäre" habe sein Hotel-Restaurant, macht Winters Werbung in eigener Sache.

Ein Dutzend Angestellte, 42 komfortable Zimmer mit 60 Betten, ein großer Saal, eine ansprechende Küche, eine exzellente Weinkarte und eine Terrasse mit Blick auf den Jülicher Schwanenteich das ist die Welt der Winters, wenn sie einmal nichts mit den Neusser Schützen zu tun haben. Der Kontakt des Hohen Reitersiegers zur Quirinusstadt ist Gattin Susanne zu verdanken. Die heute 40-jährige Tochter des langjährigen Komiteemitglieds Heribert Schneider erlernte den Beruf einer Versicherungskauffrau, nachdem sie die Fachhochschulreife erworben hatte, und arbeitete bei der "Rheinland" in Neuss, ehe Amors Pfeil sie traf. Gemeinsam mit dem Gatten steht sie nun dem Hotelbetrieb vor. Zwei Kinder sind aus der Ehe hervor gegangen: Christine und Felix, 14 beziehungsweise sechs Jahre jung, vervollständigen das Glück, haben mit Pferden aber ganz und gar nichts am Hut.

"Ein Verrückter in der Familie reicht, die beiden spielen Tennis", lacht der Sieger des Reitercorps. "Ich reite seit langem, aber nicht mehr so doll wie früher, als wir noch Jagden geritten sind", blickt Winters zurück. Heute mag er's beschaulicher: Gemeinsam mit Korpskamerad Randolph Coburg frönt er nun der Dressur auf dem Brander Hof bei Aachen. Seine Affinität zu Neuss bezeichnet Reinhard Winters als "sehr groß". Kein Wunder: "Ich fühle mich hier wohl. Das Schützenwesen ist so unkompliziert. Da sagt keiner: ,Ich bin der Herr Sowieso", da wird einfach geduzt. Das Herzliche dominiert, und ich kenne in Neuss mittlerweile mehr Leute als in Jülich." 1985 erstmals beim Reiterfrühstück, machte der heutige Regent der Pferdefreunde gleich eine verblüffende Feststellung, wie er sich noch gut erinnert: "Hoppla, das ist hier eine andere Welt." Neben Hotel und Brauchtum bleibt dem Reitersieger wenig Zeit für andere Beschäftigungen.

Schön, er spielt Klavier ("nur für mich, mein Lieblingskomponist ist ganz klar Bach"), aber ansonsten ist der Tag eines Gastronomen lang und anstrengend. "Seit 14 Jahren verspreche ich meiner Frau, mit ihr nach Rom zu reisen, aber gekommen sind wir dazu bis heute nicht", schüttelt Winters den Kopf über seinen übervollen Terminkalender. Überhaupt Rom. "Das ist meine Stadt schlechthin. Ich bin schließlich alter Lateiner und wusste schon als Schüler: Da musst Du hin. Rom ist einfach traumhaft", schwärmt der Jülicher, dem das Jahr, das er in der italienischen Hauptstadt verbracht hat, viel zu kurz erschien. Vielleicht hat er dort angesichts der großen Köpfe und der Geschichte eine Lebensweisheit aufgesogen, die er als Hotelier und Reitersieger beherzigen möchte: "Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen."

(NGZ)