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75 Jahre Jägerzug "Waidmannsheil": Aus der Tiefe des Traumes

75 Jahre Jägerzug "Waidmannsheil" : Aus der Tiefe des Traumes

Es dauerte zwei Jahre, bis der Alptraum für Irmgard Bohn vorbei war. "Es war für mich schon sehr schwer. Seit Kindestagen hänge ich an diesem Zug. Das tat mir so leid, dass das kaputt gehen sollte", sagt die 63-jährige Neusserin. Denn bei der Parade des Neusser Bürger-Schützenfestes musste sie 2009 und 2010 auf ihren geliebten Jägerzug "Waidmannsheil" verzichten.

Der Zug hatte einfach zu wenige Mitglieder, um mitmarschieren zu können. Doch der Verzicht hat in diesem Jahr ein Ende, und in die Wege geleitet hat das auch noch ihr Sohn Volker Bohn, der damit das Erbe seiner Ahnen fortführt. Gerade rechtzeitig zum Jubiläum, zum 75-jährigen Bestehen des Zuges ist das Ende abgewendet. Die zündende Idee kam gewissermaßen aus der Tiefe des Traumes.

Es waren die Brüder seiner Großmutter, die den Zug 1936 gründeten. Überliefert sind die Namen Adolf, Theo, August und Phillip Mainz, außerdem noch Jakob Spor, Adolf Mausberg, Heinrich Küchen und Toni Landeck. Die Gründung wurde in der Gaststätte "Furtitudo" am Markt gefeiert. Der Name fiel auf "Waidmannsheil", weil das einfach zu Jägern passte. "Und weil der Name im Jägerkorps noch nicht vergeben war", mutmaßt Volker Bohn. Noch im gleichen Jahr marschierten die neuen Jäger um ihren Oberleutnant Adolf Mausberg mit beim Neusser Bürger-Schützenfest. Mehr ist nicht überliefert, denn sämtliche Unterlagen und Dokumente aus der Zeit wurden im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Klar ist aber: Der Jägerzug Waidmannsheil war immer ein Familienzug. Zeitweise waren drei Generationen einer Familie gemeinsam im Jägerzug aktiv.

Hilfe vom Fußballplatz

Das setzte Heinrich Kirstein nach Kriegsende insgesamt 39 Jahre als Oberleutnant mit Unterstützung seines Leutnants Manfred Kobelt fort. Nach einem Herzinfarkt übergab der Vater von Irmgard Bohn das Amt später an seinen Schwiegersohn, an Walter Bohn. Irmgard Bohn war immer mittendrin. "Väter, Söhne, Enkel, Schwiegersöhne — so hat sich das über die Jahre gehalten", sagt sie. 2009 aber hörten zu viele Jäger aus gesundheitlichen und altersbedingten Gründen auf. Es war zu Ende mit "Waidmannsheil". Vorerst zumindest. Volker Bohn marschierte währenddessen bei den Sängerknaben mit. Er kannte den Oberleutnant. Bis Irmgard Bohns Sohn schließlich die rettende Idee für ein Jubiläum kam.

Bohn spielt Fußball bei der DJK Rheinkraft, Kreisliga C, ganz unten in der Rangfolge, auf roten Aschenplätzen, wo der Fußball noch wehtut. Mit dem Jägerzug gewann Bohn bereits mehrmals den Wanderpokal beim Fußballturnier des Neusser Jägerkorps. Im linken Mittelfeld ist er aktiv, und zwar dann, "wenn die jungen Leute nicht mehr können", wie er es nennt. Die jungen Leute — das war die Lösung für den Jägerzug "Waidmannsheil". Bohn fragte seine Mitspieler, und zwar diejenigen, die ebenfalls Nachfahren der Waidmannsheil-Gründer von 1936 waren. Sechs Nachfahren der Gründer von 1936 sagten zu, tauschen Trikot gegen die Uniform des Jägers. Jetzt sind es 15 Schützen im Jägerzug "Waidmannsheil", die Sollstärke für das Schützenfest ist erreicht. Im Janaur meldete Bohn bei der Zugführerversammlung des Jägerkorps den Zug bei Major Hans-Jürgen Hall zurück. Nun sind fast alle Mitglieder zwischen 20 und 30 Jahren. Volker Bohn ist mit 43 Jahren schon der zweitälteste im Zug, nur übertrumpft durch einen 50-Jährigen. Damit dürfte "Waidmannsheil" einer der jüngsten Züge im gesamten Regiment sein.

Die meisten Waidmannsheil-Mitglieder sind Lehrlinge im Regiment, die die Aschenplätze der Region abgrätschen, und nun zum ersten Mal im Paradeschritt über den Markt marschieren. Frischlinge im Schützenwesen, aber sie haben mal gleich ein großes Jubiläum, ein Jubelfest. Das ist ein äußerst gelungener Einstieg ins Schützenfest.

Das findet auch Mutter Irmgard Bohn: "Ich bin heilfroh. Jetzt geht es aufwärts." Jetzt kann sie sich das Neusser Bürger-Schützenfest wieder mit den Damen, die den Zug über Jahre begleitet haben, genüsslich anschauen. Aus der Tiefe des Traumes.

(NGZ)