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Neuss: Bürger mit Handicap lernen wählen

Neuss : Bürger mit Handicap lernen wählen

Ein Projekt der Christuskirchengemeinde macht sechs Menschen mit geistiger Behinderung fit für politische Wahlen.

Sie sind Menschen mit Behinderungen, aber auch mündige Bürger. Dazu hat ihnen Helmut Lelittko verholfen, der seit 2009 ehrenamtlich eine Gruppe geistig behinderter Menschen begleitet, denen er das politische System der Bundesrepublik nahebringt. Mit Erfolg: Schon zweimal haben die sechs Teilnehmer am Projekt "Menschen mit Behinderungen als mündige Bürger" ihr Kreuz auf einem Wahlzettel gemacht.

Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Angefangen hat alles mit einer Gruppenfreizeit, die vor allem der Gruppenförderung dienen sollte. Man traf sich regelmäßig im Internet-Café des Martin-Luther-Hauses, und dabei entstand die Idee, das offensichtliche Interesse an politischen Fragen aufzunehmen und weiterzuverfolgen. Schritt für Schritt machten sich die sechs Menschen mit unterschiedlichen Handicaps auf die Reise durch die politischen Gremien.

Mit einem Besuch im Neusser Rathaus ging es los. "Jetzt wissen wir, was da abgeht im Rathaus", sagt Projektteilnehmer Boris Becker. Dann stand die Landtagwahl 2010 auf dem Plan, und da lag es nahe, im Düsseldorfer Landtag zu schauen, wie Politik funktioniert.

Per Briefwahl gaben alle Projektteilnehmer ihre Stimme ab, jeder natürlich allein in einer kleinen Wahlkabine. "Wir haben vorher die Positionen der einzelnen Parteien besprochen", sagt Lelittko, "aber die Gruppenmitglieder mussten letztlich allein entscheiden, wo sie ihre Kreuze setzen". Nur wenige hatten jemals vorher gewählt. "Nun zählt unsere Stimme auch", sagt Lelittkos Tochter Carmen stolz.

Die frühzeitige Neuwahl des NRW Landtags 2012 war für das Projekt dann eine willkommene Chance, das bereits Gelernte erneut anzuwenden. In der Gruppe zogen die Teilnehmer durch die Neusser Innenstadt und stellten den Kandidaten der einzelnen Parteien ihre Fragen. Gut informiert machten sie so in kurzer Zeit zum zweiten Mal von ihrem Wahlrecht Gebrauch und ein Kreuz auf dem Wahlzettel.

Aber damit hatten die Projektteilnehmer ihre Reise durch die politischen Instanzen keineswegs beendet. Es ging weiter nach Berlin in den Bundestag, zum Europaparlament in Brüssel und Straßburg. Überall, so erzählen sie, fanden sie bei den jeweiligen Abgeordneten offene Ohren, wurden herzlich empfangen.

Die Reisen wurden bewusst so geplant, dass sie auch ein schönes Freizeiterlebnis boten, und die Teilnehmer Zeit und Ruhe hatten, die Informationen zu verarbeiten. Möglich wurde das Projekt durch die Förderung der evangelischen Christuskirchengemeinde und der Kämpgen-Stiftung. Durch die ehrenamtliche Begleitung konnten die jeweiligen Kosten in einem tragbaren Rahmen gehalten werden.

Die Reise ist für die Gruppe aber noch lange nicht zu Ende. "Unser Ziel ist es, durch regelmäßige Zeitungs-Treffen aktuelle Themen aufzuarbeiten", erklärt Projektleiter Helmut Lelittko. Die Lebenshilfe Neuss hat ihre Unterstützung für dieses deutschlandweit wohl einzigartige Projekt zugesagt. Schließlich steht im Herbst die nächste Wahl an, und auch bei der Zusammensetzung des Bundestags wollen die sechs Projektteilnehmer auf jeden Fall mitentscheiden. Dann soll es eine "Wahlwanderung" geben. Am Wahltag wollen alle wieder dabei sein; bis zu Kabine werden die Wähler dann von der Gruppe begleitet.

In einer ersten Dokumentation stellen die Beteiligten jetzt ihre Arbeit vor, aber zu Ende ist sie noch lange nicht.

(NGZ/rl)