Neuss: Buchbinderin auf Wanderschaft

Neuss : Buchbinderin auf Wanderschaft

Theresa ist 22 Jahre, Buchbindergesellin und seit September auf Wanderschaft. Zurzeit macht sie Station im Stadtarchiv und schaut Restaurator Marcus Janssens über die Schulter. Nach dem Schützenfest zieht sie weiter.

50 Kilometer Bannmeile um ihren Heimatort Emstek in Niedersachsen hat Theresa als einzige Einschränkung auf ihrer Reise als Wandergesellin. Ansonsten steht ihr die ganze Welt offen. Während der Walz hat sie ihren Nachnamen abgelegt und ist als frei reisende Buchbinderin unterwegs und das als einzige ihres Handwerks weltweit.

Neuss ist eine weitere Station auf ihrer Wanderschaft. Seit September ist Theresa auf der Walz, um ihre Fähigkeiten als Buchbindergesellin zu vertiefen. In Münster, Dresden, Hannover und London hat sie schon gearbeitet und ist nun im Neusser Stadtarchiv bei Chef-Restaurator und Buchbinder Marcus Janssens tätig.

Durch einen Zufall ist Theresa dorthin gekommen. In ihrem Liederbuch der fahrenden Handwerksgesellen steht das Lied der Hester Jonas, eine Ballade auf die Neusser "Hexe" Jonas. "Das Lied kenne ich auswendig und als ich erfuhr, dass in Neuss die Erft fließt, die in dem Lied vorkommt, wollte ich mehr erfahren und habe im Stadtarchiv nachgefragt", sagt die 22-Jährige. So kam sie auch in die Werkstatt von Janssens.

"Ich fand es toll, dass eine Buchbinderin auf Wanderschaft hier vorbeikommt. Es gibt wenig Auszubildende, und ich freue mich mein Wissen weitergeben zu können", sagt er. Zurzeit arbeitet Theresa an einem Bucheinband für die Teilnahme an einem Wettbewerb in England. Die Walz ist eine Tradition aus dem späten Mittelalter, wonach alle Handwerksgesellen auf Wanderschaft gehen müssen, um eine Meisterprüfung ablegen zu dürfen.

Damals Pflicht und heute eine Option für junge Menschen, die im Handwerk tätig sind. Etwa 600 bis 800 Gesellen sind jährlich in Deutschland unterwegs. "Das Interesse wird wieder größer, seitdem durchsickert, dass jeder Handwerksberuf und auch Frauen auf Wanderschaft gehen können", erzählt Theresa. "Ich bin losgezogen, um mich fachlich, aber auch menschlich weiterzuentwickeln."

So lernt sie bei jedem Buchbindermeister neue Techniken kennen. Dadurch, dass die Wanderschaft keinen festen Weg vorgibt und kein Geld für Reise und Unterkunft ausgegeben werden soll, ist sie frei in ihren Entscheidungen, aber auf Menschen angewiesen, die ihr Arbeit und Unterkunft geben. "Es klappt erstaunlich gut. Am Anfang hilft ein Altgeselle beim Einstieg, aber auch danach bin ich vielen freundlichen Menschen begegnet", berichtet die junge Buchbinderin. Bis zum Schützenfest will sie noch bleiben. Auch wenn es ihr an einem Ort gefällt, die Reise muss weiter gehen. Den Stempel der Stadt Neuss hat sie schon in ihrem Wanderbuch, dem wichtigsten Zeugnis ihrer Wanderschaft, die zwei oder drei Jahre dauern soll.

(NGZ/rl)
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