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„Blue in Green“-Konzert On Canvas von Bassist André Nendza in Neuss

Jazzkonzert in Neuss : Jazzmusik wie auf eine Leinwand gemalt

Das neue Quintett des Bassisten André Nendza hatte bei „Blue in Green“ in der Alten Post Neuss seine Live-Premiere

Es war eine beklemmende Situation: Alle, die das „Blue in Green“-Konzert mit dem neuen Quintett des Bassisten André Nendza in der Alten Post besuchen wollten, mussten zuerst ihre Namen und Kontaktdaten hinterlassen, bevor sie ihre Eintrittskarten bekamen und in den Konzertsaal eingelassen wurden.

Mit mulmigem Gefühl füllte man also das vom Veranstalter verteilte Formular aus – und fragte sich leicht irritiert, ob das von nun an auch für kleinere Kulturveranstaltungen die Regel sein wird zur Prävention gegen das in Deutschland grassierende Corona-Virus? Das Bedrohliche dieser Virus-Pandemie, die vielen wahrscheinlich zuvor abstrakt und weit entfernt erschien, ist nun auch bei der vom Düsseldorfer Gitarristen Philipp van Endert kuratierten „Blue in Green“-Konzertreihe ganz konkret geworden.

Die Anspannung vom Einlass löste sich, als Nendza mit Angelika Niescier (Altsaxofon), Matthias Bergmann (Flügelhorn), Martin Sasse (Piano) und Niklas Walter (Schlagzeug) die Bühne betrat und zu spielen begann. „On Canvas“ („Auf Leinwand“) hat der Bassist seinem Quintett als Beinamen mitgegeben, der das Konzept treffend beschreibt: fünf Musiker, die auf einer imaginären Leinwand ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Seine akustischen Leinwände hat er indes enge kompositorische Rahmen gesetzt. Und diese Beschränkung wurde nun zum kreativen Impuls für eine retrospektive wie rauschhaft-aktuell Jazzmusik. Nendza griff dafür auf ein altbekanntes Procedere zurück, als sich die Bebop- und Hardbop-Revoluzzer in den USA vor 60 bis 70 Jahren viele Broadway-Lieder aus dem „Great American Songbook“ vornahmen, um diese für ihre improvisatorischen Zwecke zu bearbeiten und sie in Klassiker der Jazzmoderne zu verwandeln.

Diese Klassiker wurden wiederum für Nendza die Grundlage, indem er mal Akkordfolgen veränderte, mal das Tempo reduzierte oder ein anderes Metrum fand. Das machte das Konzert so reizvoll für die Musiker*innen auf der Bühne ebenso wie für das Publikum davor. Einerseits gab es in den Kompositionen allen bekannte Parts, die beispielsweise die Rhythmusgruppe sicher interagieren ließen – wenn etwa Sasse auf dem Flügel mit seinen Blockakkorden den harmonischen Raum verdichtete und Nendzas raumgreifende Walking-Bass-Linien mit Walters „Ting-Ting-Te-Ting“-Begleitung auf dem Becken nonchalante die rhythmische Grundierung zum Swingen brachte.

Die unbekannten Parts sorgten dann für stiebenden Funkenflug in den Solochorussen: Bergmann ließ auf dem Flügelhorn seine melodischen Ketten frei durch die Harmonik mäandern, während Niescier auf dem Altsaxofon das Melodische bis zur Unkenntlichkeit abstrahierte, um mit scharfem Timbre die Jazzmusik wie mit einem Messer zu entbeinen und den Kern von Nendzas Kompositionen offenzulegen.