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Neuss: Bilder eines erinnerten Lebens

Neuss : Bilder eines erinnerten Lebens

In ihrer neuen Ausstellung präsentiert die Alte Post Shruti Mahajan aus Indien und Alke Reeh aus Deutschland. Der Schwerpunkt liegt auf Majahans Malerei, aber die Schau offenbart auch verblüffende Beziehungen in der Kunst der aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommenden Frauen.

Wenn man alle paar Monate umziehen muss, ist die eigene Kunst vielleicht so etwas wie das Zuhause. Die indische Malerin Shruti Mahajan ist mit einem Soldaten verheiratet, der an immer wieder neue Orte beordert wird, so dass das Paar immer wieder Koffer und Kisten packen muss.

Aktuell ist Mahajans Mann in Kaschmir stationiert, in einer Region, in die die in Bophal geborene Künstlerin nur besuchsweise hineindarf. Was macht man also, wenn man so malen kann wie Shruti Mahajan? Man nimmt das zu verlassende Zuhause auf einem Bild mit, packt es gut ein und vielleicht im nächsten Zuhause wieder aus.

In "zwei Riesenpaketen", so erzählt Klaus Richter, Städtischer Kurator und verantwortlich für die bildende Kunst an der Alten Post, lächelnd, seien die Exponate geschnürt und aus Indien geschickt worden, um die neue Ausstellung des Hauses bestücken. Passenderweise heißt sie "Dispatch — Versand" und ist zugleich ein Dialog, der von der Textilkünstlerin Alke Reeh ausgelöst wurde, die Mahajan in Indien kennen- und schätzen gelernt hat. Als Gast zeigt sie denn auch eigene Arbeiten, die auf verblüffende Weise zeigen, wie diese in völlig unterschiedlichen Kulturkreisen aufgewachsenen Frauen in ihrer Kunst miteinander korrespondieren.

"Das hat mich auch erstaunt", sagt Alke Reeh, die ihre von östlicher Ornamentik beeinflussten, genähten Textilbilder schon in einer Einzelausstellung in der Alten Post gezeigt hat und nun nur wenige Stücke beisteuert. "Wir fanden in der anderen das eigene Echo, obwohl doch Shruti vor allem Malerin ist."

Aber die Inderin kann auch Installationen. Für eine wurde eine Black Box in die Alte Post gebaut, in der ein Film zeigt, wie Mahajan nach den Angaben einer anderen Frau eine Landkarte malt. Auch dahinter steckt das Motiv des "Mitziehen müssen", denn die Landkarte hat auf ihrem realen Pendant an diesen Stellen nur einen weißen Fleck: Es sind militärische Regionen, die nicht verzeichnet sind, sich aber in jene eingruben, die dort gelebt haben. wenn auch nur eine Weile.

Geradezu bewegend zeigt die 1977 geborene Künstlerin in einem anderen Objekt, wie sich dieses Leben einprägt: Ein Uniformjacke ihres Mannes und eine gestreifte Jacke von ihr hat sie reliefartig auf eine Stück Stoff genäht, fremdartig in Material und Aussehen, aber nicht fremd zueinander.

In ihren Bildern zeigt Shruti Mahajan immer wieder Interieurs. Räume, in denen sie mal gelebt hat und die sie manches Mal auch erst aus der Erinnerung gemalt hat. So sind die Bilder mit den typischen Holzkisten-Stapeln in den Fluren der Wohnhäuser indischer Militärangehöriger bei einem Arbeitsstipendium in Köln entstanden. Andere zeigen einen fast verboten anmutenden Schlüsselloch-Blick durch eine seltsam eckige Form, die sich als die von den faltbaren indischen Briefumschlägen entpuppt.

Wieder andere, auch etwas größer, sind wie ein Schaufenster in den Raum und zeigen auch, wie unglaublich genau und detailreich Mahajan ihre Umgebung wahrnimmt. Bilder im Bild gibt es da, und überall finden sich unvermutet Konturen von Gegenständen oder Menschen — als ob sie einfach nicht verschwinden dürften.

(NGZ/rl)