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Neuss: Bierselige Wahrheiten

Neuss : Bierselige Wahrheiten

Neuss (hbm) Michael ist Altenpfleger, Schnäppchenjäger und Weizenbiertrinker. Martin gehört zu den Besserverdienenden, kauft im Bio-Laden und mag nur Altbier. Dennoch sind die beiden gute Freunde, hängen an ihrem gemeinsamen zweiten Zuhause namens "Ömmes Bierhimmel" und wagen es gar gemeinsam, dieses für längere Zeit zu verlassen und auf eine Weltreise zu gehen.

Neuss (hbm) Michael ist Altenpfleger, Schnäppchenjäger und Weizenbiertrinker. Martin gehört zu den Besserverdienenden, kauft im Bio-Laden und mag nur Altbier. Dennoch sind die beiden gute Freunde, hängen an ihrem gemeinsamen zweiten Zuhause namens "Ömmes Bierhimmel" und wagen es gar gemeinsam, dieses für längere Zeit zu verlassen und auf eine Weltreise zu gehen.

Die haben sie bei einem Preisausschreiben gewonnen - das ihnen natürlich an der Theke in Ömmes Bierhimmel vors Bierglas flatterte. Und nun sitzen sie unter dem Schild "Gate 36-40" und warten darauf, dass der Flieger nach New York aufgerufen wird.

Zum großen Glück des Publikums wird der Abflug jedoch immer wieder verschoben. So kommt denn auch der nicht-Bier-trinkende Mensch in den Genuss von Weisheiten, die ansonsten wohl an ihm vorbeigegangen wären. Zum Beispiel, dass sieben Becher Bier halfen, aus dem tierähnlichen Wesen Enkidu im Gilgamesch-Epos einen Menschen zu machen. Oder dass zehn Plastiktüten à 0,1 Liter Bier ins Flugzeug mitgenommen werden dürfen. Es empfiehlt sich allerdings, Strohhalme einzupacken ...

"Ex und hopp - Gestern war ein Bier zu viel" heißt das Programm der beiden Kabarettisten Martin Maier-Bode und Michael Frowin, in dem sie Geschichten über das Lieblingsgetränk der Deutschen mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit mal comedymäßig, mal sarkastisch verweben.

Hinter der Bühne haben die beiden Künstler als Texter schon öfter zusammengearbeitet (unter anderem bei "Frauen für Napoleon" für das Landestheater), aber auf derselben stehen sie zum ersten Mal gemeinsam. Als bierselige Zeit- und Saufgenossen sind sie nun im Theater am Schlachthof angekommen - für Maier-Bode die Heimatbasis, für den Berliner Frowin Neuland.

Dass die beiden Spaß an ihrer gemeinsamen Arbeit haben, ist unübersehbar. Denn bei aller Textabsprache - immer wieder gibt es Raum für Improvisationen (und sei es dadurch, dass einer von beiden sich mal kurz vertut), der mit Schmackes ausgereizt wird.

Die Wartezeit auf den Flieger, die immer länger und in witzigen Lautsprecherdurchsagen dokumentiert wird, vertreiben sich die beiden mit Erinnerungen an die letzte durchzechten Nacht in Ömmes Bierhimmel. Das heißt, so weit sie sich überhaupt erinnern können ... Die Lücken im Filmriss werden jedoch immer irgendwie aufgefüllt. Mit dem zwar nicht neuen, aber überaus probaten Mittel, die eine oder andere Person erst auf der gedanklichen, dann der tatsächlichen Fläche erscheinen zu lassen.

Da wandelt sich Frowin flugs in seine Tante Erika, die auf ihrem Gerätehaus ein Raketenabwehrsystem einrichten will, oder in den lallenden Bierbrauerei-Ingenieur, der die wohltuende Wirkung des Gerstensaftes wissenschaftlich unterfüttert. Maier-Bode markiert im schönsten Rheinisch Ömmes, der einst vom Priester zum Wirt wechselte, oder gibt den Kneipenbesucher, Lehrer und "frustrierten Sozialdemokraten" Sebastian Linzkötter.

Dazwischen haben allerhand Seitenhiebe gegen Politiker ("das Pofalla"), Weintrinker und Beamte Platz, wird über polnische Spargelstecher und deutsche Arbeitslose, über Hartz IV ("benannt nach einem bekannten deutschen Bordellgänger") und die chinesische Wollhandkrabbe philosophiert. Zwei ebenso vergnügliche wie erhellende Stunden lang. Bis zur letzten Durchsage: "Passagiere des Fluges ..."

(NGZ)