1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Shakespeare-Drama: Bezwingend

Shakespeare-Drama : Bezwingend

Neuss Vier junge Männer, vier Hocker und ein langes blaues Tuch - kaum zu glauben, dass so wenig reicht, um daraus eine packende Version des Shakespeare-Dramas "Romeo und Julia" zu zaubern. Und tatsächlich hat die Inszenierung des amerikanischen "This Bridge Theatre" etwas Magisches. Denn so wie die die vier Schauspieler auf der Bühne vier Schüler spielen, die sich immer tiefer in das Spiel um das tragische Liebespaar hineinziehen lassen, so taucht auch der Zuschauer mehr und mehr ab - in dieses Spiel vom Spiel.

Neuss Vier junge Männer, vier Hocker und ein langes blaues Tuch - kaum zu glauben, dass so wenig reicht, um daraus eine packende Version des Shakespeare-Dramas "Romeo und Julia" zu zaubern. Und tatsächlich hat die Inszenierung des amerikanischen "This Bridge Theatre" etwas Magisches. Denn so wie die die vier Schauspieler auf der Bühne vier Schüler spielen, die sich immer tiefer in das Spiel um das tragische Liebespaar hineinziehen lassen, so taucht auch der Zuschauer mehr und mehr ab - in dieses Spiel vom Spiel.

Joe Calarcos "Shakespeare's R&J" ist einerseits so anders und andererseits so werkgetreu, dass seine Dramenversion nicht nur eine ideale Aufführung für die vielen Schüler ist, die im kommenden Jahr sich mit dem Abiturstoff "Romeo und Julia" auseinander setzen müssen, sondern auch eine wunderbare Ergänzung zur Inszenierung des Stoffs von der französischen Truppe "Los Figaros". Dabei zeigen sich die Amerikaner noch minimalistischer als ihre Kollegen aus Frankreich. Das blaue Tuch ist das einzig erkennbare äußerliche Zeichen für die Verwandlung der Männer in die weiblichen Figuren Julia, Amme oder Gräfin Capulet; bei Benvolio, Tybalt, Mercutio oder Romeo wird es je nach Bedarf zur Waffe oder zum Giftfläschchen, allen dient es als mal als Mauer, mal als Zudecke. Traumhaft sicher gehen die vier Schauspieler Zac Hoogendyk, Sean Lyons, Chris Kervick und Al Cedeno mit diesem fünften Mitspieler um. Und genauso bewältigen sie auch den ständigen Sprung in eine eine Figur des Stücks, lassen dabei nie vergessen, dass sie eben diesen aus einer Rolle heraus machen.

Die Vier sind Zöglinge in einem katholischen Internat, die das Verb "amare" (lieben) deklinieren müssen und bei jedem Klingeln in chorischer Diktion in einer anderen Schulstunde Zucht und Ordnung demonstrieren. Die Stunde der Freiheit schlägt für sie am Abend. Einer der korrekt mit Krawatte, weißem Hemd, dunkler Hose und dunklem Pullunder gekleideten Jungen nimmt das Buch von "Romeo und Julia" in die Hand und beginnt zu lesen. Der zweite greift es sich, dann der dritte, und schon sind sie dabei, aus dem Lesen ein Spiel zu machen.

Es hat was Bewegendes und Rührendes zugleich, wie sie mit jedem Spielzug ein Stückchen lockerer werden; Gefühle zulassen und alles, was Shakespeare an derben sexuellen Anspielungen eingebracht hat, mit Sinnlichkeit genießen - bis hin zu der verwirrenden Erkenntnis, dass Zärtlichkeit unter Männern kein Teufelswerk ist. Regisseurin Melissa Scher hat sich dafür sprechende Bilder einfallen lassen, zum einen regelrecht durchchoreographiert und zum anderen ganz auf die Wirkung der schauspielerischen Qualitäten setzend.

Der erste Kuss zwischen Romeo und Julia verunsichert, erzürnt die beiden anderen Mitspieler (die keine Namen tragen, sondern nur 1. Schüler, 2. Schüler ... heißen). Sie sehen, was sie nicht sehen dürfen und wollen es zerstören - bis sie schließlich (im zweiten Teil) nur noch Teil des Dramas sind und jede körperliche Berührung selbstverständlich ist. Immer wieder blitzt am Rande die Klammer zur Rahmenhandlung auf. Wenn sich drei Jungen für Graf Capulet oder den Prinzen (die sonst häufig gestrichen werden) zu einer Menschenpyramide formieren, das blaue Tuch über sich wie einen Umgang drapieren und im Chor den Stücktext sprechen, wird die Angst vorm Übervater - gleichgültig, ob die des Internatszöglings oder des Untertans - geradezu greifbar.

Auch das Schlussbild der Inszenierung ist von bezwingender Kraft: Es schellt, und alle vier Jungen springen auf. Ein bisschen entsetzt, ein bisschen durcheinander, aber auf jeden Fall im Wesen und im Verhältnis zueinander verändert für alle Zeiten. Was der Romeo-Darsteller in zwei Worten ausdrückt: "Ich träumte ..."

Info Nächste Vorstellungen: Donnerstag, 18.06.2009 um 15 und 20 Uhr

(NGZ)