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Neuss: Bewegender Pilger für Menschlichkeit

Neuss : Bewegender Pilger für Menschlichkeit

Bert Gerresheim und sein markanter "Jakobus" auf dem Freithof machen den Anfang: In lockerer Reihe werden auf der Seite "Kultur in Neuss" in den nächsten Wochen Kunstwerke in der und für die Stadt samt ihrer Erschaffer vorgestellt.

Mehr als zwei Dutzend Kunstwerke von ihm sind übers ganze Stadtgebiet verteilt – in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Gleichwohl hat der 1935 geborene Bildhauer Bert Gerresheim, der immer noch in seiner Geburtsstadt lebt und arbeitet, zu Neuss eine ganz besondere Beziehung – auch wenn er dort nur mit einem Kunstwerk im öffentlichen Raum vertreten ist. Dafür steht das an außergewöhnlicher Stelle, zwischen Zeughaus und Quirinusmünster, auf dem Freithof schreitet Gerresheims Pilger Jakobus seit 2007 aus auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Die Arbeit ist ein Auftrag der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft, die der Stadt das Werk schenkte. Und die nächste steht auch schon an. Gerresheim entwirft eine Skulptur von Edith Stein für Neuss; Auftraggeber ist der Industrielle Hermann Josef Werhahn.

Das erste Mal kam Bert Gerresheim als junger Student nach Neuss. Hatte gerade bei Otto Pankok angefangen und wurde 1956 von einer Ausstellung über den belgischen Maler James Ensor im Clemens-Sels-Museum nach Neuss gelockt. "Und dann konnte ich gar nicht oft genug da sein", beteuert er glaubwürdig. Auch macht er seine bis heute anhaltende "Faszination von dieser Ensor-Welt" an der Museumspolitik der damaligen Direktorin Irmgard Feldhaus fest. "Sie hat mich auf die Spur gebracht", erzählt er nämlich gerne. Bis hin zu Ensors Wirkungsstätte in Oostende, die Gerresheim diverse Mal aufgesucht hat, die ihn zu einem Malerbuch ("Oostender Stundenbuch") inspirierte, dessen Originalzeichnungen er wiederum dem Neusser Museum schenkte. Denn das ist für ihn sein "inneres Zuhause", sagt er, schließlich fand er dort auch Künstler und Werke, die ihn auf seinem eigenen künstlerischen Weg beeinflussten – etwa Max Klinger.

Bert Gerresheim ist ein Künstler, der hinter die Dinge schaut. Der nicht nur abbildet, einer Legende, einer historischen Figur einen Körper gibt, sondern sie gleich mit Menschlichkeit füllt. Auch sein Jakobus ist weniger der Vater aller Pilger als vielmehr ein Mann, der genau weiß, dass nicht das Ziel das Ende allen Strebens ist, sondern der Weg dahin. Deswegen schreitet er in Gerresheims Lesart so dynamisch voran; deswegen geht durch ihn ein großer Riss als sichtbare Spur auch des Leids, der Verletzungen, ohne die kein Mensch durchs Leben gehen kann. Er nimmt sie immer mit, egal, wohin er geht, kann sie nicht ablegen, aber er kann lernen, damit zu leben.

Gerresheims Menschenbild ist ein zutiefst christliches. "Eine bronzene Straßenpredigt am Wege" hatte Gerresheim seine Arbeit bei der feierlichen Einweihung 2007 sehr passend genannt. Sein Jakobus lädt ein – zum "Beten mit den Augen", wie der Künstler es selbst so treffend sagt. Für den heute 78-Jährigen ist der Mensch ein Suchender – und wohl deswegen haben ihn die Geschichten der Heiligen schon immer gefangen genommen. Ganz besonders die des Franz von Assisi, auf dessen Spuren er sogar in die Berge geklettert ist, Nächte in seiner Eremitenhöhle verbracht hat. Da liegt dann auch die Nähe zum Pilgertum, zum Jakobus auf der Hand.

Und so ist die Neusser Figur denn auch das Ergebnis einer langen künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Heiligen, die eigentlich auch in Santiago ihr Ende hätte finden können. Die dortige Kathedrale hätte die Heimstatt seiner Skulptur werden sollen. Zum Glück für Neuss ist daraus nichts geworden.

(NGZ)