Neuss: Beliebigkeit statt Leidenschaft

Neuss : Beliebigkeit statt Leidenschaft

Die Premiere von John von Düffels "Sieben Sonette" im Rheinischen Landestheater konnte nur bedingt überzeugen. Sein Ziel, einen Bogen von Shakespeares Liebessonetten in die Gegenwart zu schlagen, verfehlt das Stück.

Hat Mark mit Katharina oder hat er nicht? Damals, vor mehr als zwanzig Jahren auf dem Abiball? Und lange bevor Katharina Fabians Frau wurde? Was ist es, was Katharina mit Benny verbindet, dem Freund ihrer heranwachsenden Tochter? Warum schließlich verlässt Ariane ihren Partner Mark und zieht es vor, für einen Escortservice zu arbeiten? Und warum vor allem sollte das alles irgendwen interessieren?

Viele Fragen hinterlässt John von Düffels Stück "Sieben Sonette", und die meisten lässt es offen: Den Bogen schlagen und in der Verbindung von Shakespeares Sonetten mit den amourösen Problemen von Gegenwartsmenschen zeigen, wie unvermindert aktuell die Liebessonette des legendären Briten sind, mag von Düffels Anliegen sein. Statt aber Menschen mit ihren Unebenheiten und Widersprüchen zu zeigen, deren inniges Ringen um das Glück berührt, packt und erzählenswert ist, schafft der Bühnenvielschreiber Figuren zwischen Vorstadtspießer und Yuppie-Aufschneider, Erfolgsmutter und Edelprostituierter, flach, durchschnittlich und eindimensional wie das Personal einer Vorabend-Telenovela.

Und statt Situationen zu zeigen, die vielschichtig, abgründig und eindringlich sind wie die Sonette, konjugiert der Autor die amourösen Problemlagen so bürokratisch durch zwischen alt und jung, biederer Ehe und Großstadtpärchen, Eigenliebe und Eifersucht, dass man froh ist, dass wenigstens die Liebe zur neuen Espressomaschine ausgespart bleibt. Kurz gesagt: John von Düffels Stück "Sieben Sonette", das am Freitag im Rheinischen Landestheater Premiere hatte, verfehlt sein Anliegen im Kern, weil es nicht Aktualität und Faszination der Sonette zu vermitteln weiß, sondern deren Leidenschaft in Oberfläche und Beliebigkeit auflöst.

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So ist Regisseurin Katharina Schmidt fast kein Vorwurf zu machen, auch wenn sie bisweilen statt auf Tempo auf Längen setzt, in dem Versuch, Platz für Tiefe zu geben, die das Stück einfach nicht hergibt, oder, wenn sie Dissonanzen durch krächzenden Sound und knarzende Lautsprecher für den Zuschauer ohrenfällig macht.

Ausstatterin Ivonne Theodora Storm hat dennoch ein schlechterdings geniales Bühnenbild geschaffen, das mit überschaubaren rechteckigen Räumen unmittelbar die visuelle Form der Sonette aufgreift, unverbundene kleine Einheiten zeigt, die Übergänge erlauben und zwischen denen sich doch Abgründe auftun. Faszinierend auch die eindrucksvolle Leistung der Schauspieler, die mit großem Elan Lebendigkeit, Ausdruck und Können geben — wie Stefan Schleue, der den farblosen Vorstadtbiedermann Fabian Illing immerhin als sympathisch zu zeigen vermag.

Wie er glänzt auch Rainer Scharenberg als Mark mit Präsenz und Charme und Sigrid Dispert ist mit ihrem riesigen Talent als Fabians Tochter Elena frisch, skeptisch und einfach ein Lichtblick. Wenig Chancen dagegen haben Claudia Felix als Katharina und Melanie Vollmer als Ariane, zwei Figuren, für die von Düffel tief in die Klischeekiste greift, wenn er Frauen schafft, denen zum Zweck ihrer Unabhängigkeit jedwede Abhängigkeit recht ist.

(NGZ)