Neuss: "Beckers Kastanie" wird 100

Neuss: "Beckers Kastanie" wird 100

Im Herbst 1912 pflanzte der damals siebenjährige Hermann Becker im Vorgarten seines Elternhauses eine Kastanie. Das Haus verschwand, das Grundstück wurde Teil einer Grünanlage, doch Beckers Kastanie blieb.

In der Grünanlage am Parkplatz Jröne Meerke steht eine mächtige Kastanie. Als sie gepflanzt wurde, war dort der Vorgarten der Familie Becker, kannten die Further diesen Teil des Ortes als "Nählschmetts-Berg" — der noch dazu zu Kaarst gehörte. Viel hat sich seit jenem Herbsttag 1912 geändert, der Baum ist geblieben. Und auch wenn er inzwischen auf öffentlichem Grund wurzelt — er bleibt "Beckers Kastanie".

Peter Becker (77) kann seine ganze Familiengeschichte an dem Baum festmachen. Sein Urgroßvater Johann Becker hatte auf dem ehemals sehr großen Grundstück an der Provinziallandstraße (heute: Viersener Straße) eine Nagelschmiede betrieben. Sein Großvater Peter Becker, der laut einem NGZ-Bericht zur Goldhochzeit im Jahr 1936 "zu den Urvätern jenes nördlichen Viertels zählte", Inhaber eines Milchgeschäftes und später Schaffner bei der Neusser Straßenbahn war, zog mit Ehefrau Margarete in dem Haus elf Kinder groß. Eines davon — Peter Beckers Vater Hermann (1905-1997). Der pflanzte 1912 im Alter von sieben Jahren den Kastanienbaum. Und zwar an einer Stelle im Vorgarten, an der im trockenen Sommer 1911 ein Rosenstrauch eingegangen war.

Der Baum wuchs aus einer Kastanie, die der Junge mit einem seiner Brüder im Straßengraben an der Gladbacher Straße gesammelt hatte. Er benutzte sie nicht für herbstliche Bastelarbeiten, sondern pflanzte sie ein. Vater Peter war das nicht ganz Recht. Er befürchtete, der Baum könnte zu groß werden, berichtet sein Enkel Peter Berger, der heutige Hüter des Baumes. Deshalb kappte der Vorfahre den Haupttrieb des Setzlings und bestimmte mit einer kleinen Handbewegung die heutige Form. Denn die mächtige Krone trägt nicht ein Stamm, sondern derer fünf.

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Die erst buschige Kastanie wuchs sich trotzdem schnell zu einem Baum aus, der bald zur Familie Becker gehörte. Hermann Becker setzte ein Bänkchen darunter, auf dem er kurz nach seiner Hochzeit 1930 mit Ehefrau Maria posierte. Das erste Erinnerungsfoto mit Vater Hermann, das Peter Becker bis heute verwahrt — entstand unter der Kastanie, unter der sich die Familie auch aus Anlässen wie Geburts- und Namenstagen zu großen Feiern versammelte.

Erst in den 1970er Jahren, als die Grünanlage Jröne Meerke angelegt wurde, gaben Beckers Teile des großen Grundstückes ab, wurde der Standort der Kastanie öffentlich. Trotzdem haben Peter Becker und inzwischen auch Tochter Alexandra Landgraf-Becker immer auch ein Auge auf ihren Familienbaum. Der ist auch als Senior kerngesund und frei von Schädlingen wie etwa der Miniermotte. Denn auf "Nählschmetts Berg" blieb er immer die einzige Kastanie.

(NGZ/ac)
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