Ausnahmezustand im Rheinischen Landestheater: Florian Schroeder gastiert in Neuss

Florian Schroeder gastiert in Neuss : Ausnahmezustand im Landestheater

Der Kabarettist und Entertainer Florian Schroeder (39) gastierte jetzt mit seinem Soloprogramm in Neuss.

In der Reihe „neusspunktacht“ war der Kabarettist und Entertainer Florian Schroeder (39) mit seinem Soloprogramm „Ausnahmezustand“ zu Gast im Rheinischen Landestheater. Noch nie ging es uns so gut wie heute, und doch leben wir im Ausnahmezustand. Der droht zum Normalzustand zu werden. In Zeiten ansteigender Hysterie stellt Florian Schroeder die Fragen, auf die es wirklich ankommt: Wie kommt das Böse in die Welt? Und vor allem: Wie kriegen wir es da wieder raus?

Er teilt das Publikum – „Ihr seid ein schönes Publikum, ich sehe euch nicht, ich spür’s!“ – ein: „Die Guten sitzen links, das Böse ist rechts!“ Kein Applaus. So macht Schroeder deutlich: „Der neue Zeitgeist ist böse, rechts, konservativ – sein klassischer Vertreter ist Horst Seehofer.“ Applaus! Nahezu die gesamte Politik steht am Pranger, mit geschickten Einspielern auf Großleinwand zementieren passende Zitate die bitterböse Einschätzung. Selbst banale Dinge – „Wir kochen Bio!“ – bekommen durch atemberaubend schnelle Rhetorik oder durch schwarzhumorige Beschimpfung der Schwaben, der Amis, der Engländer in Berlin einen hohen Stellenwert.

Die Fülle der Themen ist riesig: Etwa Seiteneinsteiger als Lehrer und ihre mangelhafte Qualifikation. Schroeders Szenario: „Der ehemalige Bankräuber lehrt Bruchrechnen, der Fischverkäufer referiert über Bismarck-Heringe.“ Frauen leben nicht nur länger und studieren schneller, sie sind auch die erfolgreicheren Rassisten. „Beim NSU ballern sich die Typen weg. Wer bleibt übrig? Beate Zschäpe!“ Sein Plädoyer: Rassismus muss Männerdomäne bleiben. Die aktuelle Schlagerszene von Helene Fischer bis Matthias Schweighöfer („Alles muss, alles muss raus!“) wird köstlich vorgeführt. Nach der Pause twittert er live mit dem Publikum, das auch die Fragen verfolgen kann: „Waren Sie beim Friseur, Herr Böhmermann?“ Er erläutert den Twitter-Gästen „Die Abonnenten in Neuss sind rheinisch-fröhlich“ und verabschiedet sich nach zehn Minuten „Das Schönste, wenn ihr nach Neuss kommt, sind der Dom und die Kö.“ Der Provokateur fühlt sich aber inmitten des Neusser Publikums sichtlich wohl. Nach drei Stunden Programm parodiert er auf Zuruf aus dem Publikum Prominente und bedient sich zur Karikatur seiner Stimme und Mimik. Auch Verstorbene wie Marcel Reich-Ranicki werden im Landestheater vitalisiert. Genial sind die Parodien auf Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer und verführen die Zuhörer zum lauten Vergnügen. Aber wie nun bekommt man denn das Böse wieder aus der Welt? Das war am Ende einem gut gelaunten Publikum und dem ebenfalls bestens aufgelegten Florian Schroeder ziemlich egal.

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