Thomas Nickel Auseinandersetzung mit dem Islam ist wichtig

Neuss · Der Diözesanratsvorsitzende Thomas Nickel sprach über interreligiösen Dialog, die christliche Prägung von Parteien und den neuen Papst.

 Auf dem blauen NGZ-Sofa zog Thomas Nickel im Gespräch mit Ludger Baten nach 28 jahren im Diözesanrat Bilanz.

Auf dem blauen NGZ-Sofa zog Thomas Nickel im Gespräch mit Ludger Baten nach 28 jahren im Diözesanrat Bilanz.

Foto: A. Woitschützke

Neuss Thomas Nickel war bereits zu Gast auf dem blauen NGZ-Sofa. Bisher hat Ludger Baten mit dem Schützenpräsidenten und dem stellvertretenden Bürgermeister Thomas Nickel gesprochen. Jetzt lud der NGZ-Redaktionsleiter den Holzheimer als Vorsitzenden des Diözesanrates im Erzbistum Köln ein. Diese Funktion füllt Nickel seit 28 Jahren aus und hat jetzt entschieden - fast gleichzeitig mit Erzbischof Joachim Kardinal Meisner - aus dem Amt auszuscheiden.

Herr Nickel, was geht in diesen letzten Tagen in Ihnen vor?

Thomas Nickel In der Tat wurde ich in Bensberg, wo die katholische Thomas-Morus-Akademie ist, durch Neuwahl von meinem Amt entbunden. Meine Frau sagt mir seit mehreren Jahren "Lass los, wenn sie dich noch nicht jagen". Die Fahrt nach Bensberg war emotional, die Rückfahrt allerdings schon befreiend wird, weil ja doch eine Last von mir genommen wurde, die ich in all den Jahren getragen habe.

Wie war damals die Arbeit der Laien und was hat sich verändert?

Nickel Als ich anfing, hatte ich unheimlich Respekt vor den damals älteren Herren, die in dem Vorstand waren. Das waren in der Gesellschaft etablierte Persönlichkeiten. Auch das Verhältnis zu dem Klerus war respektvoller als heute. Deshalb war auch das Zusammenarbeiten ein ganz anderes. Ich habe mich damals oft gewundert, wie förmlich man im Vorstand miteinander umgeht und wie unterwürfig man dem Bischof und anderen Würdeträgern beispielsweise des Domkapitels gegenübertrat. Das war aber die Zeit der 1970er Jahre und davor. Ich habe das II. Vatikanische Konzil eher als Aufbruchsstimmung erlebt. Wenn das nicht so gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich kirchlich nicht so engagiert geblieben. Das hat mich motiviert, mich als junger Mensch der Aufgabe und der Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu stellen. Das war auch die Zeit, in der ich begann, mich politisch stärker zu engagieren. Das gehörte für mich zusammen.

Sind Sie ein frommer Mensch?

Nickel Nein. Ich bin kein Frömmling, aber gläubig. Was ich in den 28 Jahren in der Kirche erlebt habe, war schon so, dass man auch verzweifeln konnte - auch an den Schwächen der Menschen, egal, ob Kleriker oder Laie. Ich meine nicht nur Missbrauch, Verfehlungen oder offensichtlich falsche Entscheidungen. Ein tiefer Glaube hat mir immer geholfen, auch in schwierigen Situationen wieder einen richtigen Weg für mich zu finden.

"Der Kirche eine Stimme geben" - ich vermisse als Kirchenbesucher von der Kanzel ein Wort, zum Beispiel zu der schweren Krise in der Ukraine. Das kommt dann meistens in den Fürbitten vor, aber nicht in der Predigt. Oder zur Halbmond-Debatte in Neuss. Wäre das nicht auch ein Thema, wo von Seiten der Amtskirche ein Wort gesagt werden muss?

Nickel Ich verweise auf den zweiten Brief unseres neuen Papstes Franziskus I., in dem er zum Islam Stellung nimmt und die Christen auffordert, den Dialog mit allen Religionen zu suchen - auch mit dem Islam. Manchmal ist es gut, wenn man solche Schriften nicht nur im Bücherschrank hat, sondern auch liest. Als Diözesanrat haben wir schon immer Netzwerke gehabt. Seit zehn Jahren besteht eine Initiative von Muslimen und Christen. Es ist wichtig, dass man nicht nur Moscheen besichtigt, sondern sich auch mit dem Islam auseinandersetzt - aber auch umgekehrt mit der christlichen Religion. Das ist ein anderer Dialog als in der Ökumene. Da würde ich mir wünschen, dass wir am Ende eine Einheit werden.

Ist die CDU denn noch eine christliche Partei?

Nickel Es gibt in dem Sinne keine christliche Politik. Es gibt Parteien, die christliche Werte haben und es kommt auf die Menschen an, die zu leben. Christen können Politik gestalten und dann wird daraus auch eine christliche Politik. Es können Muslime oder Atheisten auch in die CDU kommen, solange sie diese Werte teilen und unterstützen. Die CDU ist eine Partei, die christliche Werte in ihrem Grundsatzprogramm deutlich festgeschrieben hat. Und es wird immer Menschen geben, die auch Fehler machen. Und das soll man, wie Papst Franziskus sagt, mit einem Stück Barmherzigkeit sehen. Denn der Mensch ist so angelegt, dass er auch Fehler macht.

Wie ist Ihr persönlicher Kontakt zu Altbischof Kardinal Meisner?

Nickel Wir standen immer in engem Kontakt. Dieser Kontakt aus 25 Jahren wird auch bestehen bleiben. Menschlich und fachlich bin ich mit ihm sehr gut zurecht gekommen. Wenn ich ein Problem hatte, konnte ich ihn sofort erreichen. Er hat immer versucht, mit dem Diözesanrat einen Schulterschluss zu finden.

Lassen Sie uns zum Schluss ein paar Gedanken zu unseren neuen Papst fassen.

Nickel Papst Franziskus spricht die Menschen ermutigend an. Aber er fordert sie auch heraus. Alle müssen bereit sein, in seinen angebotenen Dialog mit einzutreten. Ich glaube, dass er bereit ist, Dinge zu verändern. Er will die Kirche in die Zukunft führen, doch dazu braucht er die Gremien und die Gläubigen.

VERA STRAUB FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN

(NGZ)