Aus der Heimat geflohen, in Neuss top: Drei Talente aus dem Morgenland

Aus der alten Heimat geflohen, in der neuen Heimat Leistungsträger : Drei Talente aus dem Morgenland

Sie sind aus dem Irak, Iran und Nigeria geflohen. In Deutschland engagieren sie sich: eine Malerin, ein Politiker und eine Pflegerin.

Menschen verlassen ihre Heimat, wenn sie hoffen, dass es ihnen anderswo besser ergehen wird. Sie suchen Schutz vor Krieg und Verfolgung, sie suchen Arbeit, sie wollen Teil einer intakten Gesellschaft sein. Für die drei Weisen aus dem Morgenland, so berichtet die Bibel, war das Kind in der Krippe ein Hoffnungsträger. Darum machten sie sich auf nach Bethlehem und brachten wertvolle Geschenke mit: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Mehr als 7,5 Milliarden Menschen leben aktuell auf der Erde. Für viele von ihnen ist das kleine, wohlhabende, weitgehend friedliche Europa ein Hoffnungsland. Darum machen sie sich auf den Weg. Am Ziel angekommen, stehen sie mit leeren Händen da. Sie haben keine Geschenke dabei, wohl aber Talente. Wir haben drei Menschen aus der Ferne getroffen, deren Gastgeschenk ihre persönliche Leistungsbereitschaft ist: Raida Barkisch (18), malende Jesidin aus dem Irak, die Fluglotsin werden möchte; Bijan Djir-Sarai (42), ein deutscher Politiker, geboren in Teheran, und Perpetua Emeruwa (44), die in Nigeria Hebamme war und jetzt in Neuss einen Pflegeberuf ausüben möchte. Bis ins Anerkennungspraktikum hat sie es schon geschafft.

Perpetua Emeruwa (44) ist aus Nigeria nach Neuss gekommen. In der Geriatrie des Lukaskrankenhauses absolviert sie gegenwärtig ein Anerkennungspraktikum. Foto: Ludger Baten

Bekannteste Jesidin ist Nadia Murad. Die Menschenrechtsaktivistin erhielt soeben den Friedensnobelpreis. Raida Barkisch bewundert diese Frau und macht sie immer wieder zum Mittelpunkt ihrer Bilder: „Wenn ich ärgerlich bin, dann kann ich mich am besten in der Malerei ausdrücken.“ Mit dem IS kamen Tod und Terror in Raidas Heimat nahe dem nordirakischen Mossul. Die Familie floh und fand im Rhein-Kreis eine neue Heimat. Nach nur drei Jahren spricht Raida nahezu perfekt deutsch und will das Abitur machen. Sie wird von Kompass D gefördert, einer Initiative Neusser Unternehmen. Doch bei allem Talent und Begeisterung für die Malerei – eine eigene Ausstellung in Neuss ist angedacht – hat sie andere berufliche Ziele. Sie möchte Fluglotsin werden, auf der Wunschliste stehen auch Rechtsanwältin und Lehrerin. Raida schätzt an Deutschland, dass sie dort „ohne Angst leben“ kann. Und doch wundert sie sich: „Die deutschen Kinder sollten besser die Chancen nutzen, die ihnen Deutschland bietet.“

Bijan Djir-Sarai (42), in Teheran geboren, ist heute FDP-Bundestagsabgeordneter mit Wahlkreis in Neuss, Dormagen, Grevenbroich und Rommerskirchen. Foto: FDP. Foto: FDP

Chancen genutzt hat Bijan Djir-Sarai. Doch in diesen Kategorien denkt er nicht: „Ich bin Deutscher, überzeugter Rheinländer.“ Als er elf Jahre alt war, haben ihn seine Eltern zum Onkel nach Grevenbroich geschickt. Aus Angst, er könnte zur iranischen Armee einberufen werden. Der Krieg mit dem Irak tobte. Der Rheinländer Djir-Sarai sagt aber auch: „Wenn ich die iranische Erfahrung nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht Politiker.“ Staatliche Propaganda hätte den Schulbetrieb damals, in den Jahren nach der islamischen Revolution, geprägt: „Da bin ich zu einem politischen Menschen geworden.“

Seit seiner Kindheit weiß Djir-Sarai, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern erkämpft und verteidigt werden will: „Den wahren Wert des Wassers erfährst du erst in der Wüste.“ Der ersten bundesdeutschen Politikergeneration nach dem Krieg sei es nicht um Karriere gegangen: „Sie übernahmen Verantwortung, damit so etwas nicht mehr passiert“. Sich in einer Partei zu engagieren, sei nicht spießig, sondern notwendig: „Die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, die Abend für Abend in die Politik investieren, sind die wahren Helden und Vorbilder unserer Demokratie.“ Wäre er nicht nach Deutschland gegangen, so fragt er sich, was wäre aus ihm geworden? Säße er im iranischen Gefängnis? Seine Antwort: „Ich will etwas an meine neue Heimat zurückgeben.“ Der FDP-Politiker arbeitet als Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

Sie hat einen Ehemann und vier Kinder, doch glücklich ist Perpetua Emeruwa erst, wenn sie arbeiten darf – am liebsten umsorgt sie Menschen. Darum ist sie in Nigeria Krankenschwester und Hebamme geworden. Vor den bürgerkriegsähnlichen Unruhen in ihrer afrikanischen Heimat floh die Katholikin nach Deutschland. Sechs Jahre ist das her. Inzwischen spricht sie gut deutsch und kümmert sich auf der Geriatrie-Station des Lukaskrankenhauses aufmerksam um alte Menschen. „Das ist super“, sagt sie und freut sich über ihr Anerkennungspraktikum. Als Pflegerin will sie arbeiten, doch zuvor warten noch 400 Stunden Theorie auf sie. „Ich muss fleißig lernen“, sagt Perpetua Emeruwa und strahlt charmant. Sie ist angekommen – wie Raida Barkisch und Bijan Djir-Sarai auch.

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