Auftakt der neuen RLT-Intendantin Caroline Stolz mit „Streichholzschachteltheater

Spielzeitbeginn in Neuss : Gelungener Auftakt mit menschlichem Desaster

Witzig und erhellend hat die neue RLT-Intendantin Caroline Stolz „Streichholzschachteltheater“ von Michael Frayn umgesetzt.

Was kann man über ein Theaterstück schreiben, das eigentlich keines ist? Michael Frayn jedenfalls hatte zunächst wohl nicht an eine Bühnenfassung gedacht, als er die Tücken der Kommunikation als „Matchbox Theatre“ veröffentlichte. Die Buchform hatte er gewählt, die Bilder sind also reines Kopf-Kino.

Wenn allerdings jemand – auch wenn er es gewohnt ist, Bilder aus dem eigenen Kopf auf eine Bühne für alle zu bringen – daraus eine Inszenierung macht, klappt das mal mehr, mal weniger. Caroline Stolz, Regisseurin und neue Intendantin des RLT, ist so jemand. Hat das bereits an anderen Theatern (Pforzheim, Trier und mehr) bewiesen und setzt nun mit Frayns, von ihm selbst dramatisierten „Streichholzschachteltheater“ eine Landmarke in Sachen Komödie, an der sich spätere Arbeiten am Landestheater werden messen lassen müssen.

Natürlich liefert Frayn, der mit „Der nackte Wahnsinn“ sicherlich für die moderne Screwball-Comedy steht, eine wunderbare Vorlage. Irrwitzige, schnelle Dialoge, komische Figuren, die jeder irgendwo und irgendwie schon mal gesehen oder gar erlebt hat, aber kein zusammenhängender Inhalt, der aus den vielen Szenen ein erzählbares Stück macht, sind seine Mittel.

Und Stolz schafft es – auch dank ihrer sechs wunderbaren Schauspieler – daraus einen Theaterabend zu zaubern, dessen Bilder hängenbleiben, dessen Text lächeln lässt und doch nicht aus Kopf geht.

Dabei ist es unwichtig, ob die Darsteller Rollennamen haben oder nicht. Und so sind es mal Sir Geoffrye de Frodsham und Lady Hilary, mal Er und Sie, mal Doktor und Patient, mal Mrs. und Mr. Hazey oder Mrs. und Mr. Sharpe, mal Reporter und Moderatorin, mal ein Musiker, mal eine Politikerin, und, und, und... die allein, zu zweit, zu viert, zu fünft oder sechst die Szene bestimmen. Sie sind es, die den Abend zusammenhalten, die Szenen verknüpfen zu einem Bild des Desasters, das den Titel „Kommunikation“ trägt. Denn um nichts anderes geht es: Um das Aneinander-vorbeireden, wo man doch glaubt, mit dem anderen zu reden; um die Worthülsen-Produktion, wenn nichts mehr da ist; um eine Selbstwahrnehmung, die mit der Außenwahrnehmung nichts gemein hat. Kurzum: Witzig und entlarvend zugleich zeigt Frayn mit wahrhaft ausgestrecktem Finger auf die größte Schwäche des Menschen überhaupt.

Da bleibt auch das Theater nicht ungeschoren. Vor dem Vorhang und nach der Pause im Zuschauersaal sind die Darsteller, was sie sind: Theaterschauspieler (und Regisseur), die gar nicht genau wissen, ob das, was sie sagen (wollen), auch wirklich so ankommt...

Aber: Wirklich bös’ ist das alles nicht. Amüsant ja, auf jeden Fall erhellend – wenn der Zuschauer es will. Regisseurin Stolz macht sich Frayns Stil zu eigen, indem sie immer wieder mit den Mitteln des Absurden Theaters arbeitet, etwa die Lakonie der Dialoge im Spiel des Ensembles grotesk konterkariert. Sie führt ihre Schauspieler sicher durch diesen Wortdschungel, lässt sie Akzente setzen, und kann sich auf sie verlassen.

Mit Hergard Engert, Juliane Pempelfort und Peter Waros vom alten RLT-Ensemble sowie Nelly Politt, Benjamin Schardt und Carl-Ludwig Weinknecht, die von Stolz neu verpflichtet wurden, hat sie zudem sechs Darsteller, die kongenial umsetzen, was sie verlangt und Frayn erwartet: eine Einheit zu sein, ohne das Individuelle aufzugeben. Jeder bewahrt sein Ich, aber keiner spielt sich in den Vordergrund.

Aus ganz vielen Koffern hat Jan Hendrik Neidert eine wandelbare Bühne gebaut, die alles und nichts gleichzeitig ist: Gruft, Café, Wohnung oder Orchestergraben. Ausstatterin Lorena Diaz Stephens hat mit karierten Anzügen für die Männer und körperlosen Kleidern für die Frauen sinnvoll die Grundierung geliefert.

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