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Neuss: Aufbruch in ein neues Zuhause

Neuss : Aufbruch in ein neues Zuhause

David Wabbels und Kevin Löwenhaupt wohnten lange im Männerheim Lebensbrücke. Nun ziehen sie in eigene Wohnungen. Eine Herausforderung für die jungen Männer – und vielleicht der Start in ein neues Leben.

David Wabbels und Kevin Löwenhaupt wohnten lange im Männerheim Lebensbrücke. Nun ziehen sie in eigene Wohnungen. Eine Herausforderung für die jungen Männer — und vielleicht der Start in ein neues Leben.

Es gibt Nächte, die Kevin Löwenhaupt am liebsten vergessen würde. Wenn es kühl wurde und die Nässe in die Jacke kroch, er vor Sorge wach lag und dachte, dass das doch alles nicht wahr sein kann. Die Nächte auf der Straße.

Es gibt aber auch Nächte, an die sich der 21-Jährige gern erinnert. Die erste im Männerwohnheim Lebensbrücke, in einem warmen Bett. Die beiden ersten Tage verschlief er fast komplett, vor Erschöpfung.

Und es gibt eine Nacht, auf die er sich freut, und die er auch ein wenig fürchtet: die erste Nacht in seiner eigenen Wohnung. Nach zwei Jahren im Wohnheim ist es soweit. Kevin hat jetzt nur einen Wunsch: "Noch mal neu anfangen."

Mit 16 riss er von zu Hause aus, weil er die Streitereien mit den Eltern nicht mehr aushielt. Er suchte ein Jugendheim auf, doch dort wies man ihn ab. "Ich hatte das Gefühl, man muss sich erst daneben benehmen, damit einem geholfen wird." Kevin schlief bei seiner Cousine oder im Park. Irgendwann war ihm sogar seine Gesundheit egal. Seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann brach er später ab. "Ich weiß schon mit 21 , wie tief man sinken kann", sagt er leise.

Kevin hockt in der gelb gestrichenen Küche des Männerwohnheims und knetet seine Finger, während er erzählt. Neben ihm sitzt David Wabbels. Auch er wird in ein paar Wochen in eine eigene Wohnung ziehen. Zwei Jahre hat er sich immer wieder beworben. Als er vor kurzem den Bescheid bekam, wollte er es zunächst nicht glauben. "Ich freue mich, dass ich dann unabhängig bin", sagt der schlaksige 31-Jährige. Im Frühjahr will er sich eine Stelle als Koch suchen.

Früher habe er sich aufgeregt, wenn Leute auf der Straße um Geld bettelten, sagt er. Mittlerweile weiß er, dass das Leben von einem Tag auf dem anderen aus den Fugen geraten kann. David machte eine Lehre, heiratete. Als seine Frau plötzlich starb, geriet er aus der Bahn. Am Ende saß er zwei Jahre im Gefängnis. "Das passiert mir nicht noch mal", sagt er. Erst zog er ins Heim, dann in eine betreute Außenwohngruppe — das Trainingslager für die eigene Wohnung.

Von der schwärmt Kevin. "Das Schönste ist die Badewanne", sagt er und seine Augen leuchten. Doch der Gedanke, auf einmal allein zu sein, kostet ihn auch Kraft. Im Haus gibt es Gruppentreffen, Putzpläne, Termine — eine Struktur. In der neuen Wohnung noch nicht einmal Möbel. "Ich muss kleine Schritte machen", sagt Kevin. Es habe Zeiten gegeben, da habe er nicht mal mehr das berühmte Lichtlein gesehen, sagt er. Nun ist es wieder da.

(NGZ/rl)