Neuss: Auf der Suche nach dem Glück

Neuss: Auf der Suche nach dem Glück

Mit der Satire "Glück im 21. Jahrhundert" zeigt das Theater am Schlachthof ein Stück, das den Zuschauer nicht loslässt.

Kaum ist der Stunk des Theaters am Schlachthof (TaS) Geschichte, geht schon die nächste Produktion über die Bühne: Kai Hensels Gesellschaftssatire "Glück im 21. Jahrhundert" ist alles andere als leichte Kost. Ein ziemliches Kontrastprogramm - oder doch nicht? "Stunk ist Kabarett und somit immer auch politisch. Und im Stück von Kai Hensel gibt es ja durchaus auch etwas zu lachen." So relativiert TaS-Leiter Markus Andrae diesen scheinbaren Gegensatz, ergänzt dann aber, "auch wenn es ein erschreckendes Lachen ist."

Es sind neben manchen grotesken Einfällen des Autors tatsächlich die Momente des Wiedererkennens, die den Zuschauer zum Lachen bringen. Und diese scharfzüngige Analyse ist gelegentlich so überspitzt und böse, dass das Lachen einem bisweilen im Hals stecken bleibt. Denn Hensel konfrontiert die Gesellschaft mit ihren Dämonen, wie Markus Andrae es formuliert, und leistet damit einen hochinteressanten Beitrag zur Wertediskussion. Das 2007 in Wien uraufgeführte Stück wirkt dabei taufrisch und topaktuell, wenn es Themen wie Freiheit und Glück, das Gefühl wachsender Bedrohung, Konkurrenzdenken und die Probleme durch Zuwanderung aufgreift.

Im Mittelpunkt, quasi wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet: eine vordergründig perfekte Bilderbuch-Familie. Vater Johann (Daniel Marré), eine erfolgreicher Geschäftsmann; Mutter Anne (Stefanie Otten), Familienmanagerin und gefragtes Fuß-Modell; Tochter Jasmin (Marlene Zilias), vielseitig begabte Grundschülerin. Doch tun sich von Beginn an Risse in der idyllischen Fassade auf, stellt sich von Anfang das schwelende Gefühl drohenden Unheils ein.

Obwohl die äußeren Bedingungen ideal sind - eine stabile Demokratie, ein Rechtsstaat, der auch die Schwachen schützt, eine gesunde Wirtschaft - mag sich nicht wirklich ein Glücksempfinden einstellen. Stattdessen zeigen sich in der "Versuchsanordnung", die immer wieder kleine Impulse durch den Erzähler (Lars Evers) bekommt, schon bald Neurosen, Krisen und Versagensängste. Das Leben wird als Wettbewerb wahrgenommen, in dem es sich zu behaupten gilt. Glück wird an der Anzahl derjenigen gemessen, denen es schlechter geht oder die den anderen um dessen Situation beneiden.

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Immer schneller dreht sich die Spirale von Leistung und Konsum. Und immer absurdere Blüten treibt die Paranoia. "Wir warten auf die Katastrophe, die den Dreck wegschwemmt aus unseren Herzen", sagen die Figuren. Und diese Katastrophe tritt dann auch ein - wenn auch anders, als vielleicht erwartet. Doch ob dieses Reset, dieses "Alles auf Anfang" tatsächlich Glück ermöglicht, lässt Hensel offen. Wie er überhaupt die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen dem Zuschauer überlässt.

Regisseurin Marika Rockstroh ist eine eindringliche Inszenierung gelungen, die den Zuschauer nicht so bald loslässt. Hervorragend unterstützt wird die inhaltliche Aussage durch das abstrakte Bühnenbild von Yeonju Seo. Die Wand aus Dreh-Elementen bietet jede Menge dramaturgische Möglichkeiten und im wahrsten Sinne des Wortes Projektionsfläche für die Videotechnik (Fabian Schulz). Lars Evers und Stefanie Otten verkörpern überzeugend ein Paar, das unbestimmte Sehnsüchte hat, aber zu getrieben ist, um Glück zu empfinden.

Regelrecht zu Herzen geht Marlene Zilias' Darstellung der Tochter, die sich ungeliebt fühlt, weil sie die unrealistischen Maßstäben der übertrieben ehrgeizigen Mutter kaum erfüllen kann. Anspruchsvoll ist der Part von Lars Evers als Erzähler, der seine Gestik gelegentlich etwas sparsamer einsetzen dürfte, die Aufgabe insgesamt aber gut meisterte. Dem Ensemble gelingt es , den Zuschauer zum Nachdenken zu bringen. Wie sagt Markus Andrae? "Das ist ein Abend für ein Publikum, das mehr will als Comedy." Stimmt. Susanne Niemöhlmann

(NGZ)