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Auf den Spuren der Reuschenberger Straßennamen

Neusser Mosaike : Straßennamen erzählen Geschichten

Amsel, Drossel, Fink und Star – hinter vielen Straßennamen in Reuschenberg stecken Überraschungen. Welche, wird bei der Führung am 21. Juli verraten, zu der Neuss Marketing und die NGZ in der Reihe „Neusser Mosaike“ einladen.

Wer der Bergheimer Straße folgt, kommt (vielleicht) irgendwann in Bergheim an. Die Erprather Straße führt Richtung Erprather Mühle. Doch was hat es etwa mit der Nierenhofstraße auf sich? Und warum tragen im Stadtteil Reuschenberg so viele Straßen die Namen von Blumen, Pflanzen und Singvögeln? Weil die Gründer der sogenannten Gartenvorstadt ein ländliches Idyll vor Augen hatten?

Überraschung Nummer 1: Nach „Amsel, Drossel, Fink und Star“ oder auch „Rosen, Tulpen, Nelken“ wurden viele der Straßen in dem südlichen Neusser Stadtteil erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges benannt. Die nationalsozialistische Regierung hatte den Straßen in dieser Mustersiedlung ursprünglich die Namen (vermeintlicher) „Blutzeugen“ ihrer Ideologie gegeben. „Auf Geheiß der amerikanischen Besatzungsmacht mussten die Straßen noch 1945 umbenannt werden“, sagt Stefanie Fraedrich-Nowag. Bei der „Neusser Mosaike“-Führung am kommenden Samstag, 21. Juli, vollzieht die promovierte Neusser Historikerin Ortsgeschichte anhand von Straßennamen nach.

Warum ausgerechnet in Reuschenberg? „Der Stadtteil ist ein Paradebeispiel für all das, was man aus Straßennamen ablesen kann“, erklärt Fraedrich-Nowag, die getrost eine Straßennamen-Expertin genannt werden kann. Immerhin arbeitet sie seit einigen Jahren an einer umfangreichen Publikation über Straßennamen in Neuss mit, die das Neusser Stadtarchiv noch in diesem Jahr fertigstellen und herausgeben will.

Anhand von Straßennamen lässt sich viel über die Geschichte eines Ortes erfahren, betont Stefanie Fraedrich-Nowag. Mancher Flurname hat sich nur über den Straßennamen erhalten. Vor allem aber sind Straßennamen auch Ausdruck der gepflegten Erinnerungskultur. Tragen Straßen Namen von Persönlichkeiten, und wenn ja, von welchen? Handelt es sich um Personen mit politischer Bedeutung oder eben ausdrücklich ohne politischen Hintergrund? „Die Vergabe von Straßennamen ist ein bewusster Prozess, der sich in Reuschenberg auf engstem Raum konzentriert und sehr gut nachvollziehen lässt“, sagt die Kennerin, die nebenbei die verschiedenen Phasen der Siedlungsgeschichte Reuschenbergs nachzeichnet: von der „Schlagbaumsiedlung“ für Arbeitslose und kinderreiche Familien mit Garten und Kleintier-Stall für die Selbstversorgung über die Baugebiete rechts und links der Bergheimer Straße mit Zierblumen- und Nutzpflanzen-Straßennamen bis schließlich hin zum Baustopp während des Krieges 1942. Und auch die Nachkriegszeit mit der Errichtung des Viertels rund um die heutige evangelische Kirche mit Straßen von Reformatoren und Humanisten wird eine Rolle spielen.

Überraschung Nummer 2: Das Quartier zwischen Lupinen- und Nierenhofstraße wurde aus gutem Grund „Klein-Österreich“ genannt. Was es damit auf sich hat, deckt Stefanie Fraedrich-Nowag ebenfalls am 21. Juli auf. Sie stellt außerdem die Haustypen der verschiedenen Siedlungsabschnitte vor, die zwischen späteren Um- und Anbauten hier und da noch in Grundzügen zu erkennen sind, und sie zeigt historische Pläne und alte Fotos von Siedlerhäusern.

Wer an dem sicher hochinteressanten Stadtteil-Spaziergang teilnehmen möchte, sollte sich allerdings zutrauen, etwa zwei Stunden zu Fuß unterwegs zu sein. Denn so lange wird die informative Führung durch Reuschenberg an diesem Samstag sicher dauern.

(NGZ)