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Neuss: Archiv mit Literatur und Kunst zum Querdenken und Forschen

Neuss : Archiv mit Literatur und Kunst zum Querdenken und Forschen

Ricarda Dick baut die Archivbestände der Stiftung Insel Hombroich zur Forschungsstätte auf.

Jahrelang hat Ricarda Dick als Literaturwissenschaftlerin, als Herausgeberin oder als Kuratorin frei gearbeitet. Und es gefiel ihr, kam sie doch immer wieder mit neuen Forschungsfeldern in Berührung, mit interessanten Sammlern, mit Stiftungen, die ihre Projekte unterstützten. Bis es 2001 dann zum ersten persönlichen Kontakt zur Insel Hombroich kam: Die promovierte Germanistin richtete im Bonner August-Macke-Haus eine Ausstellung über die Dichterin Else Lasker-Schüler ein — und stieß dabei fast zwangsläufig auf Volker Kahmen, der in seinem Kunst- und Literaturinstitut auf der Museumsinsel einen großen Bestand zu Leben und Werk der Poetin gesammelt hatte.

Seitdem ist Ricarda Dick auch Kahmens freie Mitarbeiterin, hat die Insel kennen- und lieben gelernt, diverse Ausstellungen (unter anderem über Bruno Goller) kuratiert. Aber dafür die freie Tätigkeit aufgeben? Denn das kam auf die 47-Jährige zu, als ihr von der Stiftung Insel Hombroich eine Vollzeitstelle angeboten wurde. "Die Entscheidung ist mir schwer gefallen", gibt Ricarda Dick zu, und dennoch: Seit Anfang Oktober betreut sie nun die Sammlung und das gesamte Archiv der Stiftung.

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2009 ist das Archiv in das große Heerich-Gebäude auf der Raketenstation eingezogen, die raumhohen Regale sind mehr als gut gefüllt — und noch immer stehen überall Kisten mit Büchern, Korrespondenzen oder handschriftlichen Manuskripten herum, die noch gesichtet, inventarisiert und geordnet werden müssen. Für Ricarda Dick, die dabei auf eine kundige Helferschar aus ehrenamtlichen Bibliothekaren und Wissenschaftlern zurückgreifen kann, geht es indes nicht allein um eine Auflistung der Bestände.

"Jedes Archiv steht für sich", sagt sie, "aber alles hängt auch zusammen". Und so wird sie die "äußere Ordnung" etwa von Nachlässen wie dem von Thomas Kling, von Vorlässen wie dem des Philosophen Walter Biemel oder des Verlegers Norbert Wehr ("Schreibheft") belassen, aber Zusammenhänge herstellen. Sammler Volker Kahmen ist ihr dabei ein wenig ein Mentor: "Bei ihm kommt so vieles von innen heraus. Er sucht nach einem Stück, eignet es sich an, liest und reinigt es, sieht Hintergründe und Interessen und fragt: Was ist das?", erklärt Dick. Dieses Querdenken werde einem an keiner Uni beigebracht, meint Dick, aber in Hombroich kann man es künftig lernen, denn das Archiv soll auch Studenten und Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden. Dicks Schreibtisch ist umgeben von hohen Regalen voller Ordner. Hombroich-Gründer Karl-Heinrich Müller hat sie angelegt, und sie ebenso wie etliche andere Ordner und Kisten bergen noch so vieles, was wie ein Schatz gehoben werden muss. "Es gibt noch unglaublich viel zu tun", sagt Ricarda Dick. Besteht da nicht Gefahr, dass man sich aus lauter Begeisterung ständig festliest? "Jaaa", sagt Ricarda Dick und lacht, "aber das darf ich hier nicht, das mache ich zu Hause".

Zu Hause — das ist für sie in der Voreifel, in Euskirchen, wo sie mit ihrer Familie wohnt. "Die Fahrt nach Neuss und wieder zurück ist eine gute Möglichkeit, Abstand zu gewinnen", sagt sie. Das Sich-vom-Denken-lösen habe sie zudem in den vielen Jahren ihrer Forschungstätigkeiten gelernt, und was ihr zusätzlich hilft, ist Badminton zu spielen. "Da muss man sich einfach ganz auf den Ball konzentrieren", sagt sie, "und kann nichts anderes mehr denken".

Vermutlich könnte Ricarda Dick allein für ihre Arbeit in Hombroich einen 36-Stunden-Tag gebrauchen, aber dennoch will sie auch von anderen Dingen nicht lassen. So plant sie weiterhin eigene Projekte: "Ich werde weiterhin forschen", sagt sie — wie ganz aktuell an der Herausgabe einer kommentierten Mechtilde-Lichnowsky-Auswahlausgabe im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

(NGZ)