Neuss: Archaische Motive - neu gedeutet

Neuss: Archaische Motive - neu gedeutet

In der Alten Post werden zu den Jüdischen Kulturtagen Werke des israelischen Künstlers Abi Shek gezeigt. Für Neuss hat er neue Arbeiten gemacht. Der Titel der Schau ist dem Song "Who by Fire" (Wer im Feuer) von Leonard Cohen entlehnt.

Er bringt gerne Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammengehören. Von denen man kaum vermuten würde, dass sie etwas miteinander anfangen können, sondern eher, dass sie sich gegenseitig wehtun. Für die Industrie gewalzte Metallplatten und archaische Formen und Motive zum Beispiel. Aber genau das ist es, was den aus Israel stammenden Künstler Abi Shek reizt. So verbindet er einen Holzschnitt mit einer Zeichnung, gibt Metallplatten die Form eines Löwen wie aus altestamentarischen Tierdarstellungen oder den Umriss eines philistischen Hausaltars (1200 v. Chr.). Material und Idee - die gehören bei dem Grafiker und Bildhauer aber unbedingt zusammen. Das eine ergibt sich aus dem anderen. Oder andersrum.

"Mein Hauptmotiv sind Tiere", sagt der Künstler sehr bestimmt. Aber was der Besucher seiner Ausstellung in der Alten Post als erstes sieht, sind Metallplatten, in die Zeichen eingeritzt sind. Eingehämmert natürlich, "sehr brutal", wie Shek lächelnd sagt, aber mit einer Wirkung im Ergebnis, die nur als filigran bezeichnet werden kann.

Die äußere Form der Metallobjekte erinnert tatsächlich mal an einen Tierkopf, mal an uralte Architekturformen oder Ornamente. Und die Zeichen sind Schrift. Hebräisch und zitieren ein jahrhundertealtes Gedicht, das in Israel zur Zeit zwischen Neujahrsfest und Yom Kippur, dem höchsten Festtag, dazugehört. Es ist wohl ein melancholischer Text, einer, den auch den Singer und Songwriter Leonard Cohen 1973 zu seinem Lied "Who by Fire" inspirierte. Was für Alte-Post-Kurator Klaus Richter und den Künstler dann auch der passende Ausstellungstitel war. "Es geht um das Sterben", sagt Shek und korrigiert sich: "Eigentlich aber auch um das Leben, das jeder nach seiner Art lebt. So wie auch jeder nach seiner Art stirbt." Die Arbeiten sind für Neuss entstanden, denn Abi Shek hatte sich just mit dem Gedicht beschäftigt, als Richter ihn anrief, um ihn zu einer Ausstellung einzuladen.

Alles in allem hätte das kaum passender laufen können. Abi Shek war schon länger im Fokus von Klaus Richter, die Schau passt genau zur Struktur der derzeit laufenden Jüdischen Kulturtage im Rheinland, und dann hat der Künstler auch noch neue Arbeiten mitgebracht, die jetzt zum ersten Mal in Neuss gezeigt werden.

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Abi Shek, der sich selbst als nicht-religiös bezeichnet, kommt dennoch immer wieder auf Zeichen des Judentums zurück. Denn sie gehören eben zu der Kultur, die ihn bestimmt, in der er einem Archäologen gleich forscht und aus der er als Künstler Bilder gewinnt, die dann einen universellen Charakter haben. Im Betrachter rufen sie eine unbestimmte Erinnerung an etwas, das vor ihm da war, hervor.

Die größte Freude scheint der Künstler, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Professor Micha Ullman studiert hat, zu haben, wenn er zuhört, was der Betrachter in seinen Arbeiten zu sehen glaubt. "Was ich mir gedacht habe, ist gar nicht wichtig", sagt er und lacht vergnügt bei der Erklärung, dass er in einem Bild einen Strauß entweder mit vier Köpfen und fünf Beinen versehen hat. Oder dass das Bild eine Perspektive zeigt, bei der aus vier Straußen einer wird ...

Beine und Köpfe sind ein Holzschnitt, der Körper ist gezeichnet - und tatsächlich funktioniert, was Shek gerne mit einem verdeckenden Stück Papier demonstriert: Jedes Bildteil steht für sich, lässt alle bisherigen Deutungen hinter sich und ganz neue zu. Natürlich wieder solche, die allein im Kopf des Betrachters entstehen.

(NGZ)