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65-Jährige starb auf Berliner Weihnachtsmarkt: Anschlagsopfer in Neuss beigesetzt

65-Jährige starb auf Berliner Weihnachtsmarkt : Anschlagsopfer in Neuss beigesetzt

Die 65-Jährige aus Neuss, die beim Terroranschlag in Berlin starb, ist beigesetzt worden. Die Hinterbliebenen wollen sich an wie auch immer motivierten Sammelklagen nicht beteiligen. Die Gemeinschaft in ihrem Heimatort hält fest zusammen und unterstützt die Familie.

In einem Urnengrab auf dem kleinen Friedhof in Neuss-Grefrath wurden am vergangenen Freitag die sterblichen Überreste der 65-jährigen Neusserin beigesetzt, die zu den zwölf Toten des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Dezember gehörte. Ein Abschluss - aber noch kein Ende.

"Die Familie weiß, dass es sehr schwer wird, nach diesem Verlust ein normales Leben zu führen", erklärt der Neusser Rechtsanwalt Cornel Hüsch, der mit seinem Kollegen Andreas Bonnen die Familie juristisch betreut. Die wird sich keiner wie auch immer motivierten Sammelklage anschließen, stellt Hüsch klar. Aber auch an der derzeit hitzig geführten Diskussion, ob dieser Anschlag durch rechtzeitige Festnahme des Attentäters Anis Amri hätte verhindert werden können, beteilige sich die Familie nicht, fügt er hinzu. "Das sollen diejenigen politisch diskutieren, die sich dazu berufen fühlen", sagt Hüsch. Ein solcher Streit mache die Ehefrau und Mutter nicht wieder lebendig, so fasst er die Haltung der Familie zusammen.

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Die 65-Jährige hatte die Fahrt nach Berlin von ihrem 40-jährigen Sohn geschenkt bekommen. Es war die dritte Reise dieser Art, und auch sie sollte mit einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt enden. Mutter und Sohn hatten es sich gerade in einer Glühweinbude gemütlich gemacht, als der Attentäter mit einem gestohlenen Sattelschlepper über den Markt raste. Der Sohn überstand den Anschlag schwer verletzt mit mehreren Beckenbrüchen, die Mutter erlag ihren Verletzungen. Aber es dauerte vier Tage, bis ihre Leiche eindeutig identifiziert worden war und die Familie endlich Gewissheit hatte. Seitdem schweigt die Familie nach außen, übt auch an dem Verhalten der Behörden - anders als andere Betroffene - öffentlich keine Kritik. Der 40-Jährige wurde erst in Berlin und zuletzt in Neuss stationär behandelt, konnte das Krankenhaus aber inzwischen verlassen und lebt - zumindest vorübergehend - bei seinem Vater. "Wir gehen davon aus, dass er wieder vollständig genesen kann", sagt Hüsch. Aber das hänge von den Entwicklungen der nächsten Wochen ab.

Als wohltuend empfand es die Opferfamilie nach Bonnens Darstellung, dass sie nicht allein gelassen wurde. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte als örtlicher Bundestagsabgeordneter den Sohn und den an sein Krankenbett geeilten Vater noch in der Berliner Charité besucht. Und am Tag der Beisetzung rief Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an, um ihr Beileid auszudrücken.

Mit der Familie trauert auch die Dorfgemeinschaft in dem kleinen Ortsteil, in dem die 65-Jährige lebte. Dort war die Frau wegen ihrer Offenheit und Herzlichkeit beliebt und kümmerte sich nicht nur um die Vorbereitung der Feste im Jahresverlauf, sondern seit kurzem auch um die monatlichen Seniorentreffen im Bürgerhaus.

Das Dorf trauert nicht nur, es hält auch zusammen. Und die Gemeinschaft versucht, ihre Nachbarn zu unterstützen - und zu schützen. "Wir haben besprochen, dass wir keine Kerzen vor deren Haustür aufstellen", sagt ein Sprecher der Dorfgemeinschaft. Und als trotzdem erste Kamerateams im Ort auftauchten und Fragen stellten, hielt die Nachbarschaft dicht. Aktuell helfe man "wo wir glauben, der Familie nicht zu nahe zu treten". Froh ist man, dass die Gemeinschaft das Thema rational diskutiert. "Das war ein Verbrecher. Punkt", sagt der Sprecher. Niemand im Ort betreibe nun pauschale Ausländerschelte und "wettert mit dem Mob".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Berlin am Tag nach dem Anschlag

(-nau)