Neuss : Ans Licht geholt

Neuss Fast ein Jahr lang hat es gebraucht, um das Bild wieder in einen Zustand zu versetzen, der "hoffentlich länger als 30 Jahre hält", wie die Restauratorin Dr. Hiltrud Schinzel es formuliert. Denn in etwa diesem Rhythmus ist das "Mädchenbildnis" des niederländischen Malers Jacob Gerritsz Cuyp aus dem Clemens-Sels-Museum immer wieder überarbeitet worden - über einen Zeitraum von über 360 Jahren.

Neuss Fast ein Jahr lang hat es gebraucht, um das Bild wieder in einen Zustand zu versetzen, der "hoffentlich länger als 30 Jahre hält", wie die Restauratorin Dr. Hiltrud Schinzel es formuliert. Denn in etwa diesem Rhythmus ist das "Mädchenbildnis" des niederländischen Malers Jacob Gerritsz Cuyp aus dem Clemens-Sels-Museum immer wieder überarbeitet worden - über einen Zeitraum von über 360 Jahren.

Dunkle Übermalungen und der rissige Firnis waren mit bloßem Auge zu erkennen: "Das Bild hat aufgrund seines Alters sehr gelitten", sagt Dr. Uta Husmeier-Schirlitz, Kunstwissenschaftlerin und im Clemens-Sels-Museum (CSM) für die Kunst des 19. bis 21. Jahrhundert zuständig, und kann dabei dennoch ganz zufrieden lächeln: Denn nachdem Hiltrud Schinzel sich mit dem Ölgemälde befasst hat, erstrahlt es wieder im alten Glanz. Und mehr noch: Die Restaurierung brachte noch nie Gesehenes ans Licht.

Offensichtlich hatte Cuyp sein Bild noch mit einer idyllischen Schäferszene angereichert, doch die war in den Jahrhunderten gänzlich unter dunklen Retuschen verschwunden. Dass die allerdings nur sehr klein gehaltene Szene irgendwann bewusst übermalt wurde, wollen beide Wissenschaftlerinnen nicht ausschließen: "Manchmal passierte so etwas, weil der Zeitgeschmack sich geändert hat."

Wie auch immer: Schinzel legte die Szene frei, weil sie Schicht um Schicht die alten Firnisse abtrug und jedes Mal vor der Entscheidung stand, wie weit sie noch gehen kann, bevor sie irgendwann auf den rohen Untergrund -in diesem Falle Holz - stößt. Kein Wunder, dass die Restauratorin ihre Arbeit mit der eines Archäologen vergleicht und dabei begeistert erzählt, wie spannend es sei, alte Gemälde zu restaurieren. Viel Zeit muss man dafür ansetzen, denn "ein Bild muss sich immer wieder ausruhen", sagt sie.

Um sicher zu gehen, das beim Abtragen alter Schichten nicht auch plötzlich der letzte Rest der Originalfarbe verschwindet, setzt sie auch Infrarotlicht ein: "Das macht die Vorzeichnung sichtbar." Mit Wattestäbchen, die auch in der Chirurgie verwendet werden, geht sie behutsam an die Oberfläche heran. Und so hat sie eben festgestellt, dass Cuyps "Mädchenbildnis" von 1640 mit größter Wahrscheinlichkeit einen Hitzeschaden erlitten hatte - genau an der Stelle, wo sich der Schäfer und seine Tiere tummeln.

Den ursprünglichen Zustand dieser Malerei konnte sie indes nicht mehr herstellen: "Dafür ist zu viel verloren gegangen." Anderes hingegen hat sie gänzlich wieder sichtbar gemacht: etwa die Vögel, die in der Ferne durch den Himmel fliegen, oder das Tiefenlicht, das die Malerei des 17. Jahrhunderts grundsätzlich und Cuyps Gemälde im Besonderen charakterisiert. Und Nägel hat Hiltrud Schinzel gefunden, denn das Gemälde besteht aus drei Holzplatten, die zu Cuyps Zeiten zwar geleimt, aber später wohl auseinander genommen und neu zusammen montiert wurden. Diverse Schichten an Füllmaterial in den Fugen und Ölanstriche aus dem 19. Jahrhundert hat sie ebenfalls freilegen können.

Das Bild mit dem wahrscheinlich 18 Monate alten, ernst ausschauenden Mädchen im Kleid einer erwachsenen Frau ist mit der Sels'schen Sammlung ins Haus am Obertor gekommen, aber wie Familie in seinen Besitz gekommen ist, weiß niemand. "Vermutlich über einen Händler", mutmaßt Uta Husmeier-Schirlitz. Aber am liebsten wäre es ihr natürlich, wenn es aus der Familie Sels selbst stammen würde. Dann ließe sich das womöglich größte Rätsel des Bildes nämlich doch noch lösen: Bis heute weiß niemand, wen das "Mädchenbildnis" zeigt.

(NGZ)
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