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Annemarie Renger: Die erste Bundestagspräsidentin kandidierte in Neuss

Zwei Bundestagspräsidentinnen, zwei Frauen aus Neuss : Briefmarke erinnert an Annemarie Renger

Der 100. Geburtstag der ersten Bundestagspräsidentin. Sie hatte ihren Wahlkreis in Neuss und Dormagen. Nach Renger wurde nur eine zweite Frau zur Präsidentin gewählt. Auch sie hat Neuss-Bezug. Rita Süssmuth wohnt in der Stadt.

Wer einen „Großbrief“ (bis 500 Gramm) frankiert, der kann aktuell mit der Briefmarke zugleich eine Botschaft mit Neuss-Bezug senden: Das jüngste Wertzeichen zu 155 Cent zeigt Annemarie Renger. Die Post würdigt mit der Sondermarke die große Dame der deutschen Sozialdemokratie, die in diesem Herbst 100 Jahre alt geworden wäre. Das politische Leben der Volksvertreterin Annemarie Renger, die als erste Präsidentin des Deutschen Bundestages (1972 bis 1976) Geschichte schrieb, ist untrennbar mit Neuss verknüpft.

Ab 1969 kandidierte sie vier Mal im damaligen Wahlkreis 76 (Neuss-Dormagen), musste zwar den CDU-Bewerbern Josef Rommerskirchen (1969, 1972) und Heinz-Günther Hüsch (1976, 1980) den Vortritt lassen, zog aber über die Landesliste in den Deutschen Bundestag ein, dem sie insgesamt 37 Jahre angehörte; 18 Jahre als Präsidentin beziehungsweise Vizepräsidentin des Parlaments. Mit „großen Respekt“ erinnert sich Heinz-Günther Hüsch (90, CDU) an seine politische Rivalin: „In der deutschen Politik der Nachkriegszeit gibt es nur wenige Persönlichkeiten, die ein so einprägsames Lebensbild hinterlassen haben wie Annemarie Renger. Sie hat bewiesen, dass Frauen befähigt sind, höchste Staatsämter erfolgreich zu bekleiden.“ Politisch hätten Renger und er nur „wenig gemeinsam gehabt, aber ein gutes persönliches Verhältnis.“ Dies dank ihrer Offenheit und Souveränität.

Annemarie Renger, Bürgermeister Heinz Hilgers, Dormagen. Foto: NGZ-Archiv

In der Geschichte der Bundesrepublik leiteten nur zwei Frauen als Präsidentinnen den Deutschen Bundestag. Neben Annemarie Renger war es Rita Süssmuth (82, CDU – 1988 bis 1998); als Neusser Bürgerin ebenfalls mit der Stadt am Niederrhein eng verbunden. Beide arbeiteten Ende der 1980er Jahre im Präsidium des Bundestags zusammen. Bei altgedienten Neusser Sozialdemokraten wie Michael Hohlmann (66) ist Renger bis heute unvergessen: „Als junges SPD-Mitglied pochte 1972 natürlich mein Herz politisch für Willy Brandt. Trotzdem haben wir als Jusos selbstverständlich für Annemarie Renger aktiv Wahlkampf gemacht. Für uns war sie eben die Grande Dame der SPD mit bundespolitischer Bedeutung.“

Rita Süssmuth war von 1988 bis 1998 Bundestagspräsidentin. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Renger sei hochgeschätzt gewesen, erinnert sich Rita Süssmuth, „gerade auch von Männern“, aufgrund ihrer persönlichen Ausstrahlung sowohl im äußeren Erscheinungsbild als auch in der Art und Weise der Amtsführung: kooperativ, verbindlich und doch energisch. Süssmuth bezeichnet Renger als „begegnungsstark, kontaktfähig und „verbunden mit den Menschen, die sie auch in ihrem Wahlkreis Neuss gewählt haben.“ Die Kollegin habe ihren alten, blauen Mercedes geliebt: „Wenn sie in den Wagen einstieg, fühlte sie sich bei sich selbst.“ Annemarie Renger habe sich beruflich und ehrenamtlich engagiert; ihr sei sie, Rita Süssmuth, bei der Kinderhilfe in München gefolgt, wo sterbenden jungen Menschen Mut zugesprochen und menschliche Nähe praktiziert werde: „Annemarie Renger war eine Frau, die Vorbild bleibt.“

Als Annemarie Renger im Dezember 1990 aus ihrem Wahlkreis verabschiedet wurde, reiste Hans-Joachim Vogel an. Der SPD-Bundesvorsitzende skizzierte drei Ereignisse im politischen Leben Rengers. 1) Sie war Privatsekretärin von Kurt Schumacher. 2) Sie war die erste Bundestagspräsidentin. 3) Sie kandidierte als erste Frau für das Amt des Bundespräsidenten.

Rengers politisches Ende in Neuss kam abrupt. Die NGZ titelte „Ein Denkmal gestürzt“. 1982 bemühte sich Annemarie Renger um eine weitere Kandidatur in ihrem Wahlkreis, unterlag aber knapp dem Vertreter der Parteilinken, Jürgen Alef aus Dormagen. Während Renger erneut über die Liste in den Bundestag einzog, scheiterte Alef. Er wurde später Kämmerer in Dormagen.